Zwei Geschichten zur Demokratie

von | 6. Mrz 2018 | 3 Kommentare

Im Vergleich zur Diktatur empfinde ich die Demokratie als Fortschritt. Lange Zeit hatte ich Schuldgefühle, wenn ich demokratie-feindliche Gedanken hegte. Das Wort »demokratisch« war für mich zu einem Synonym geworden für Begriffe wie: »menschlich«, »freiheitlich« und »sozial«. Bei einem Seminar zur gewaltfreien Kommunikation änderte sich alles.

Stellen wir uns vor, du gehst mit neun Freunden in ein Restaurant zum Essen. Der Kellner kommt und fragt vorab, ob ihr die Rechnung teilen wollt oder jeder einzeln bezahlt. Sechs von euch wollen fürstlich speisen und Wein trinken, vier von euch sind Veganer, möchten nur einen Salat essen und ein Wasser trinken. Die vier wollen einzeln abrechnen, die sechs wollen die Rechnung teilen. Eine Diskussion bringt kein Ergebnis, bis schließlich einer der sechs sagt: »Stimmen wir einfach demokratisch ab.« Die Veganer wollen aber nicht abstimmen. Schließlich holen die sechs ihre Waffen heraus und zwingen die vier, sich dem Mehrheitsentscheid zu beugen. Sie dürften sich gerne der Stimme enthalten, aber die Mehrheit entscheidet. Die Abstimmung ergibt, dass die Rechnung geteilt wird und alle essen viel mehr als sie das täten, wenn jeder für sich zahlte.

Mit dieser Geschichte möchte ich illustrieren, warum ich im Privatleben Demokratie nur mit einem angenehmen Gefühl anwende, wenn sich vorher ausnahmslos alle mit diesem Prozess einverstanden erklären. Die Frage lautet nun, wann das anders werden könnte: Wenn hundert am Tisch sitzen? Bei einer Million Teilnehmer? Jetzt fragt ein Demokrat vielleicht: »Aber was wäre die Alternative?« Meine Antwort würde lauten: »Ja, die könnte schlechter sein. Weiß du aber nicht genau. Ist nur deine Vermutung. Als Demokrat könntest du auch die Strategie anwenden, andere zu überzeugen, einzuladen und eine Gemeinschaft zu gründen, deren Mitgliedschaft auf Freiwilligkeit basiert. Willst du aber nicht. Vielleicht, weil du Angst hast, dass sich dann nicht genügend anschließen? Warum hast du diese Angst, wenn du doch sicher bist, dass alle Alternativen schlechter wären?«

Jetzt sagt der Demokrat vielleicht: »Mein System basiert nicht auf Zwang. Wer will, kann das Land verlassen, seine Heimat aufgeben, sein Stück Land und sein Haus verkaufen, eine neue Sprache lernen, sich neue Freunde suchen und auch ohne seine Verwandten glücklich werden. Oder er muss alle Verwandten überzeugen, mit ihm das Land zu verlassen.«
Meine Antwort: »Ach was.«

Ein zweites Beispiel:
Stellen wir uns vor, ein kleines Flugzeug mit drei Personen stürzt auf einer einsamen Insel ab. Die Insassen überleben den Absturz und es waren glücklicherweise Vorräte für vier Wochen an Bord, die den Absturz auch unbeschadet überstanden haben. Da kein Notruf abgegeben werden konnte, ist nicht klar, ob und wann Rettung kommen wird. Die Meinungen zur Vorgehensweise gehen auseinander: Der Pilot will sich nicht auf eine Rettung von außen verlassen und plädiert dafür, gleich tätig zu werden, eine Hütte zu bauen, Wasser zu suchen, Fallen aufzustellen und sich autark zu machen. Die beiden anderen sind der Meinung, dass die Vorräte auf jeden Fall reichen bis Rettung eintrifft oder ein Schiff vorbeikommt. Man geht getrennte Wege. Die beiden legen sich zum Sonnen an den Strand und genießen den Urlaub mit Baden und Müßiggang. Der Pilot schuftet acht Stunden pro Tag und macht sich unabhängig.
Nach drei Wochen ist noch immer keine Rettung in Sicht und die beiden Müßiggänger werden unruhig. Wenn wir direkte Gewalt einmal ausschließen, haben sie jetzt zwei Möglichkeiten:

1. Die beiden haben einen gewissen Arbeitsrückstand zum Piloten, bis sie Unabhängigkeit von den mitgebrachten Vorräten erreichen. Diesen Rückstand könnten sie dadurch ausgleichen, dass sie in der verbleibenden Woche nicht acht Stunden am Tag arbeiten, sondern sechzehn. Wenn die beiden dem Piloten gegenüber zugäben, sich geirrt zu haben und um Tipps bäten, was es beim Werkzeug-, Hütten- und Fallenbau zu beachten gibt, würde sich dieser sicher kooperativ zeigen. Vielleicht würde er ihnen auch Werkzeuge und im Notfall auch Nahrung ausleihen.

2. Die andere Möglichkeit der beiden besteht darin, auf der Insel Demokratie auszurufen. Sie hätten zusammen die absolute Mehrheit und könnten durch Sozialgesetzgebung eine Umverteilung von der besitzenden Klasse zur bedürftigen Klasse herbeiführen. Diese Art des Zusammenlebens könnte sich sogar nachhaltig aufrecht erhalten lassen, wenn man den Piloten weiter bei Laune hielte. Dazu müsste man ihm zugestehen, nach Abzug seines Solidarbeitrages immer noch mehr zu besitzen als die Sozialhilfe-Empfänger.

Auch wenn sich die zweite Variante (Demokratie) aus der Sicht des Piloten wie Raub und Sklaverei darstellen würde — es ginge nach Überzeugung der Demokraten alles rechtmäßig zu. Viele Politiker, Richter und Offiziere in der Nazi-Zeit rechtfertigten ihr Handeln nach dem Krieg übrigens auch damit, nur nach geltendem Recht gehandelt zu haben.

Und was ist die Moral von diesen Geschichten? Es gibt keine. Ich kann nur für mich sagen: In einer Gruppe zu dritt, in der sich kein Konsens herstellen lässt und nicht alle mit einer demokratischen Lösung einverstanden sind, werde ich nicht versuchen, einen auf meine Seite zu ziehen und den Dritten zu überstimmen, um somit zu bekommen, was ich gerne hätte. An meiner Haltung ändert sich auch nichts, egal wie hoch die Zahl der Beteiligten wird — und seien es 80 Millionen. Wie du in dieser Situation handelst, ist deine Sache. Vielleicht findest du auch genügend Einwände, die zeigen, wie sehr meine Beispiele hinken? Lass sie mich gerne wissen, aber sei bitte nicht enttäuscht, wenn das an meinem Demokratie-Argwohn nichts ändert.