Fehlleitende Dichotomien

von | 12. Okt 2019 | 0 Kommentare

Wäre ich ein Sozialwissenschaftler oder Talkmaster und wollte ich meine Gäste im Zeitraffer kennenlernen, würfe ich ihnen zehn Begriffspaare an den Kopf und bäte sie, diese zu kommentieren. Ich wette, dass es bei vielen auf ein Entweder-Oder hinausliefe. Bei mir landen jedoch die ersten fünf Begriffspaare in der Rubrik »beides« und die letzten in »keines«.

Wäre ich ein Sozialwissenschaftler oder Talkmaster und wollte ich meine Gäste im Zeitraffer kennenlernen, würfe ich ihnen zehn Begriffspaare an den Kopf und bäte sie, diese zu kommentieren. Ich wette, dass es bei vielen auf ein Entweder-Oder hinausliefe. Bei mir landen jedoch die ersten fünf Begriffspaare in der Rubrik »beides« und die letzten in »keines«.

Gefühle und Rationalität
In meinem Mathematik- und Physik-Leistungskurs dachten die meisten meiner Klassenkameraden und ich: Gefühle sind etwas für Leute, bei denen es mit dem Verstand hapert. In meiner Zeit bei der ÖDP vor 25 Jahren dachte ich, die allgemeine, menschliche Verkopfung hätte uns in eine Misere gebracht. Und so wollte ich zurück zur Natur und zum Gefühl. Heute schäme ich mich weder ob meines Gefühles noch meines Verstandes.

Wettbewerb und Kooperation
Auf einem Markt entsteht ein Wettbewerb um Kooperation. Erzwungene Kooperation fast ohne Wettbewerb gab es in der DDR. Erzwungenen Wettbewerb fast ohne Kooperation gibt es in der Schule. Einen Markt braucht man nicht zu erzwingen; der entsteht durch freiwilligen Tausch.

Egoismus und Altruismus
Egoismus bedeutet nicht, rücksichtslos zu sein. Letztlich tut jeder alles, um seine Triebe auszuleben und seine Bedürfnisse zu befriedigen. Spiegelneuronen sorgen dafür, dass ich mit anderen mittrauere oder mich mitfreue. Ein Leben ohne Rücksicht auf andere wäre deshalb ungeschickt egoistisch, ein Leben ohne Egoismus unmöglich und allenfalls vergleichbar mit dem eines Märtyrers.

Konservativ und progressiv
Jeder Organismus muss zum Überleben Teile bewahren und Teile erneuern. »Das haben wir schon immer so gemacht«, halte ich für ebenso fragwürdig wie die tägliche Neuerfindung des Rades. Insofern halte ich auch Prinzipien für lebensfeindlich, die das eine über das andere stellen — besonders, wenn per Wahl oder Dekret unbeteiligte Dritte gefügig gemacht werden sollen.

Kultur und Natur
In Erziehungsfragen sah Rousseau in der Kultur das größte Übel und Hobbes sah es in der Natur. Kindern hilft man jedoch so wenig beim Wachsen wie Pflanzen, indem man an ihnen zieht. Ebenso wenig kann man Kinder oder Pflanzen in die Ecke schieben und auf die Kraft der Natur vertrauen. Vor allem ein Tragling braucht in den ersten Jahren viel Unterstützung.

Rechte und Pflichten
Kann man ohne Rechte und Pflichten leben? Wir versuchen das in unserer Familie und es ging in meiner Golfschule. Unser außergewöhnliches Mittel: Fragen und Bitten. Inzwischen bilde ich keine Golflehrer mehr aus, aber auch in meinem Einzelunterricht gibt es keine Pflicht — nicht einmal eine Zahlpflicht. Ich bitte um Geld und akzeptiere ein Nein.

Belohnung und Bestrafung
Wer seinen Hund dressieren will, kommt an Belohnungen und Behaviorismus nicht vorbei. Sie erinnern sich: Pawlow, Skinner und die schwarze Box. Kinder braucht man jedoch nicht zu dressieren. Die können irgendwann erwachsen werden und — anders als ein Haustier — komplett eigenständige Entscheidungen treffen. Mit solchen Erwachsenen können andere Exemplare der gleichen Spezies sogar einvernehmlich kooperieren — ohne Belohnung und Bestrafung.

Unterwürfigkeit und Dominanz
Nach oben zu buckeln und nach unten zu treten — das scheint gängige Fortbewegungsmethode auf Karriereleitern zu sein. Es gibt Erzählungen von Unternehmen, in denen es angeblich anders geht.

Gut und Böse
Gibt es ein zivilisatorisches Leben jenseits der Moral? Eine Welt, in der die Menschen sich nicht nach allgemeingültigen Tugend- und Sündenkatalogen richten, sondern sich leiten lassen durch die naturgegebene Verbindung des Unwohlseins mit unbefriedigten Trieben und Bedürfnissen. Ich habe mit Ben Daniel einen Roman über so ein Leben geschrieben, der allerdings unvollendet blieb.

https://youtu.be/GxCFtiDqm0g

Westliche vs. östliche Philosophie
Im Westen lernt man, Ziele zu verfolgen. Wer diese nicht erreicht oder trotzdem unbefriedigt bleibt, bekommt Pillen verschrieben oder Mitleid. Im Osten gibt es statt Psychopharmaka ein Sitzkissen. Aber wenn das Ego versucht, sich selbst wegzuatmen, wird das nichts. Ich behaupte deshalb: Das Problem war nie das Verfolgen eines Ziels, sondern dass es nicht das eigene Ziel war.

Autoritäre Erziehung und antiautoritäre Erziehung
Bei diesen beiden Erziehungsmethoden unterscheiden sich nur die Ziele. Die einen erziehen ihre Kinder zu gehorsamen Pflichterfüllern, die anderen zu rebellierenden Öko-Sozialisten. An der Erziehung an sich hat sich nichts geändert. Einer der ersten Anti-Pädagogen war übrigens Max Stirner: