Die natürliche Ordnung

von | 16. Dez 2015 | 0 Kommentare

Dieses Interview von Katrin Zeug erfüllt so viele meiner Bedürfnisse, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Das größte Bedürfnis ist zunächst, es mit anderen zu teilen.

Enorm Magazin: Arroganz des Helfens

Kilian Kleinschmidt war 25 Jahre als Entwicklungshelfer für das UN-Flüchtlingswerk in aller Welt tätig; in Ruanda rettete er Zehntausende Hutu. Er leitete u.a. eines der weltgrößten Flüchtlingslager in Jordanien. Dieses Lager ist mit 79.000 Bewohnern inzwischen Jordaniens viertgrößte Stadt.

Beim Lesen der meisten Zeitungsbeiträge über Flüchtlinge bin ich frustriert, weil mein Bedürfnis nach Objektivität und Differenzierung meist auf der Strecke bleibt. Ich spüre Resonanz, wenn Kleinschmidt sagt: »Die einen sind gegen Flüchtlinge, die anderen dafür. Und die Befürworter verherrlichen die Menschen, die jetzt kommen.«

Der Artikel erfüllt auch mein Bedürfnis nach Individualismus. Es fühlt sich gut an, wenn jemand erkennt, wie wichtig das Gefühl ist, ein Individuum zu sein. Kleinschmidt schreibt:
»Aber in den Flüchtlingslagern auf der ganzen Welt wird versucht, genau das zu verhindern. Denn Individualität stört, sie ist chaotisch, mühsam und unpraktisch. […] Wir wollen gerne überall den Gemeinschaftsmenschen sehen. Aber dort, in der Masse, geht es ums pure Überleben. Für alle. Die einen werden aggressiv, die anderen geben sich auf und werden überrollt. Gemeinschaftsdenken gibt es da ziemlich wenig.«

Ich habe ein großes Bedürfnis nach Freiraum und finde es schön, dass Kleinschmidt das offensichtlich auch für universell hält:
»Es gibt zwei Visionen für ein Lager: das Abstelllager, in dem Essen, Wasser und anderes in Rationen verteilt werden und es für alles Regeln gibt. Oder aber man lässt es zu, dass sich ein eigener Raum bildet, Dinge sich selber entwickeln.«
Freiheit erlauben bedeutet eben auch: Kontrolle aufgeben. Dazu Kleinschmidt:
»Es hat bei mir ein bisschen gedauert, bis ich begriffen habe, dass der Mut zum Chaos ein menschlicheres Miteinander ermöglicht.«

Besonders bemerkenswert finde ich auch seinen Satz: »Almosen sind so entwürdigend.« Ich finde auch schön, dass Kleinschmidt die Krise als Chance sieht. So sehe ich es nämlich auch:
»Wenn 10 000 Geflüchtete in München am Bahnhof stehen, dann ist das natürlich schwierig zu managen, aber im Grunde keine ernsthafte Krise. Allein durch solche gefühlten Notsituationen entstehen aber so viele Emotionen, dass endlich Sachen zum Vorschein kommen, mit denen wir uns mal richtig auseinandersetzen müssen. Jetzt sind Grundsatzdiskussionen nötig darüber, wie man als Gesellschaft sein will. Ich finde, die sogenannte Flüchtlingskrise ist ein ganz guter Weckruf.«

Um nicht missverstanden zu werden: Ich bin für offene Grenzen, aber ich bin gegen Zwangssolidarität und gegen Zwangsintegrierung. Als GfKler bin ich gegen jede Form von Zwang, weil das immer unbeabsichtigte Folgen hat.

Kleinschmidt hat beim Betreuen von kleinen Welten letztlich dasselbe entdeckt wie Robert Neuwirth: Auf diesem Planeten leben nämlich schon über eine Milliarde Menschen ohne Zwangsbeaufsichtigung durch einen Staat, also in der Anarchie. Das funktioniert. Es hat sich eine natürliche Ordnung gebildet, inklusive privater Schlichter. Es ist aber keinesfalls so, dass da alle Mitglieder einer Versicherungsagentur sind. Natürlich können wir deren Lebensverhältnisse nicht mit unseren vergleichen. Es sind ja die Ärmsten der Armen in armen Ländern. Aber denen geht es viel besser als Menschen mit gleichem Hintergrund, die auch noch unterdrückt werden, Steuern zahlen müssen und eingesperrt werden, wenn sie sich nicht an teilweise unsinnige Gesetze halten.

Neuwirth hat zwei Bücher geschrieben. Wer die nicht lesen will, der liest die ganz hervorragende Zusammenfassung und Interpretation vom bekannten Libertären Jeff Riggenbach.

The Education of Robert Neuwirth