Die Tragödie der Welt in einem Absatz

von | 11. Sep 2015 | 2 Kommentare

Eine anmaßende Überschrift, ich weiß. Aber lesen Sie erst mal weiter.

Weltweit erziehen Eltern ihre Kinder — mit wohlwollenden Motiven und fatalen Wirkungen. Kinder kennen auf Freiheitsbeschränkungen nämlich nur zwei Reaktionen: Unterwerfung oder Rebellion. Nach anfänglicher Unterwerfung stauen sich Wut und Frustration. Irgendwann entsteht eine scheinbar völlig unangemessene Reaktion (Reaktanz): Das Kind schreit, schlägt, stiehlt, mobbt, lügt, zerstört — ohne selbst genau zu wissen, warum. Jetzt sehen die Eltern darin eine Rechtfertigung für ihre Verbotskultur und das Kind bekommt Selbstzweifel. Nach genügend ähnlichen Fällen ist auch das Kind sicher, einen gefährlichen Kern zu haben, der präventiv im Zaum gehalten werden muss. Es schließt von sich auf andere und wird später auch seine Kinder bevormunden, vor sich selbst beschützen und zur Tugendhaftigkeit erziehen.

Ich lade den Leser ein, sich selbstkritisch zu prüfen, ob diese Kausalkette wirklich nur auf eine konspirative Gemeinschaft mit dem Namen »die anderen« zutrifft.

 

Was wäre eine Alternative?

Jeder kann durch eigene Versuche die Erfahrung machen, dass man Menschen vertrauen kann. Auch Kindern. Und jeder kann das an sich selbst beobachten: Je nachdem, wie man uns begegnet, zeigen wir unsere Schokoladen-Seite — oder eben nicht.
Es ist dabei hoffnungsstiftend und tragisch zugleich, dass Vertrauen und Misstrauen die Tendenz haben, sich zu bestätigen: Vertrauen wir unserem Gegenüber und machen wir uns dadurch verletzlich, entsteht in ihm der Wunsch, dieses Vertrauen zu bestätigen. Misstrauen wir unserem Gegenüber vor jeder Erfahrung, sinkt dessen Wohlwollen in gleichem Maße, und wahrscheinlich werden wir unser Misstrauen am Ende bestätigt sehen.