Ein Salafist öffnet mir die Augen

von | 25. Okt 2015 | 0 Kommentare

Ahmad Mansour ist ein palästinensisch-israelischer Psychologe, der in Deutschland lebt und sich gegen die Radikalisierung der Muslime und gegen den muslimischen Antisemitismus engagiert. Am Anfang seines Buches »Generation Allah« beschreibt er eine von ihm organisierte Informationsveranstaltung für junge Muslime.

Jusuf, ein junger Salafist, beklagt den mangelnden Gottes-Respekt der meisten jungen Muslima und dass alte Menschen nicht mehr so geachtet würden, wie es sich gehöre. Etwas stimme nicht mit der Welt, die früher besser gewesen sei. Die Salafisten hingegen seien richtig gute Muslime, die Menschen von Drogen befreien würden und ständige Raubüberfälle verhinderten. Seit es die Salafisten gebe, gingen Leute wieder in die Moschee, tränken keinen Alkohol mehr und gingen nicht mehr in Spielhöllen. Absurd sei Jusuf zufolge, das Gleichsetzen der Salafisten mit Terroristen.

In einem Einzelgespräch findet Mansour dann heraus, dass Jusuf keineswegs ein fanatischer Frommer ist und dass er noch nicht einmal betet. Jusuf würde das zwar gerne, aber es gelingt ihm nicht. Er hat schon ein paar abgebrochene Ausbildungen hinter sich und auch das Abnehmen mit Sport misslingt ihm. In dieser Unzufriedenheit hat er in einer religiös aufgeladenen Ideologie seinen Halt gefunden. Jusuf identifiziert sich laut Mansour mit Salafisten wie andere mit Comic-Helden, und beim Tyrannisieren seiner Altersgenossen bekommt er scheinbar Macht und Anerkennung.

Beim Lesen dieser Beschreibung habe ich mich selbst wiedererkannt, in meiner Zeit als Öko-Sozialist. Ich war vor zwanzig Jahren überzeugt, dass das Heil der Welt in einer nachhaltigen Lebensführung liegt: vegetarische bzw. vegane Ernährung, Einkauf im Bioladen, Bücher von Herbert Gruhl, Hoimar von Ditfurth und dem Club of Rome, Verzicht auf übermäßigen Energieverbrauch, Mitgliedschaft bei Greenpeace und in der radikal-ökologischen Partei ÖDP und dergleichen mehr. Aber auch mir ging es wie Jusuf: Ein konsequent ökologisches Leben verlangt Disziplin und Verzicht. Da blieb mein Verhalten oft erschreckend weit hinter meinen Ansprüchen zurück. Und selbst wenn man seinen Ansprüchen phasenweise genügt, nützt es ja nichts, wenn fast alle auf eine Weise leben, die man selbst als gefährlich ignorant einstuft. Und so wurde ich zum Missionar: Unterbewusst erhoffte ich, dass wenn irgendwann die Grünen die Regierung stellen, dass dann erstens die anderen zur gleichen Lebensweise gezwungen werden, und dass ich zweitens als politischer Avantgardist Anerkennung und Bestätigung für die eigene Ideologie bekomme. Außerdem wünschte ich mir drittens, auf diese Weise einen großen Pool an Unterstützern zu finden, für die Zeiten, in denen ich selbst vom rechten Weg abkomme.

Auch wenn ich mich damals natürlich als ein Verfechter der freiheitlich-demokratischen Grundordnung verstanden habe, war ich doch in einem gewissen Sinne totalitär: Der Totalitarismus bezeichnet nämlich eine Form von Herrschaft, die — im Unterschied zu einer autoritären Diktatur — den Anspruch hat, einen neuen Menschen gemäß einer bestimmten Ideologie zu formen.

Der Sozialist oder Sozialdemokrat in mir hatte übrigens die gleichen Ambitionen: Ich habe die mangelnde Solidarität unter den Menschen beklagt und erhoffte auch hier meine eigene Standfestigkeit zu erhöhen, indem ich die Mehrheit zu bekehren versuchte. Schließlich konnte ich nicht alleine die Armut auf der ganzen Welt beseitigen.

Hin und wieder erschrak ich auch über meine intuitive Angst vor allem Fremden. Gab es da etwa rassistische Keime in mir? Als Lehrling wohnte ich mit manchmal gemischten Gefühlen im Türkenviertel von Mölln, und in Donaueschingen hatte ein orientalischer Obsthändler sein Ladenlokal in dem Mietshaus, in dem ich wohnte. Ich regte mich oft über dessen Unordnung auf, aber danach auch meist über meine eigenen verurteilenden Gedanken. Gleichzeitig trug ich in der öffentlichen Diskussion meine Ausländer-Toleranz wie ein Schutzschild vor mir her.

Aber wie ist es heute? Kann man auch aggressiv und missionarisch gewaltfrei sein? Das könnte ich nun vehement bestreiten mit dem Hinweis auf das Nichtaggressionsprinzip, das ja die Grundlage des Libertarismus und des Anarchokapitalismus ist. Dieses Prinzip besagt, dass der Einsatz von Gewalt — oder die Drohung damit — ausschließlich als Notwehr zulässig ist. Hier gibt einem jedoch die Auslegung von Notwehr einen gewissen Spielraum. Außerdem berufen sich viele Anarchisten drauf, dass es den Tatbestand der Beleidigung oder Verleumdung in einer Privatrechtsgesellschaft nicht geben kann. Ich glaube, es würden nur wenige bestreiten, dass der Ton in Auseinandersetzungen innerhalb der Anarchisten bisweilen auch missionarische Züge trägt, um es einmal vorsichtig zu formulieren.

Gefährlich wäre jetzt die relativistische Schlussfolgerung, dass nun mal jeder seine eigene Wahrheit habe und deshalb niemand seinen Standpunkt als besser oder wahrer betrachten dürfe als einen anderen. Hilfeleistung ist besser als Mord, Freiwilligkeit besser als Zwang, Geschenke sind besser als Diebstahl und Freiheit besser als Sklaverei. Aber die Frage lautet, wie man diese Haltung vertritt?

Klar kann man mit Schuld- und Schaminduzierungen arbeiten. Habe ich im meiner Verzweiflung hin und wieder auch versucht — und dann mit Selbstverteidigung gerechtfertigt. Inzwischen glaube ich, dass da oft ähnliche Muster zugrunde liegen wie bei meinen früheren Missionarsversuchen: Ich fühle mich in diesen Momenten hilflos, bedrückt, allein und unglücklich. Ich suche nach Anerkennung, Verständnis und Unterstützung, aber bediene mich einer ungeschickten Strategie — eben der mit Schuldzuweisungen und Beschämungen. Oder ich nutze Ironie, Sarkasmus und Vorwürfe in Richtung der von mir identifizierten »Freiheitsfeinde«.

Als Demokrat hatte ich zumindest die Illusion, in der besten aller Gesellschaftsformen zu leben. Aus dieser Blase der Unschuld fallen die meisten jedoch schon beim Lesen der ersten libertären Bücher heraus. Und wenn man dann noch erkennt, wie unwahrscheinlich es ist, dass man Anarchie noch wird, wird es eine Weile ganz schön beklemmend. Wer dann auch noch eine Biografie des permanent ungestillten Bindungshungers mitbringt, wird häufig zur wandelnden Manifestation der Verzweiflung, der Verbitterung und der Frustration. So wird niemand zu einem effektiven Botschafter der Freiheit. Sämtliche Äußerungen lesen sich dann eher als unbewusste Hilferufe, denn als Einladungen zur Befreiung aus gesellschaftlicher und politischer Sklaverei.

Wie lautet also meine Quintessenz? Wenn sich die Sprache bei mir verschärft, meine Haltung sich versteift und die Gelassenheit unwichtig zu werden scheint, versuche ich mich an die Frage zu erinnern, was ich eigentlich brauche und ob meine Strategie dazu geeignet ist. Manchmal wiederentdecke ich dann, dass die Freiheit in der Gesellschaft keine Voraussetzung für mein Lebensglück ist. Solange ich es schaffe, Gewaltfreiheit in der Familie, im Freundeskreis und an meinem Arbeitsplatz zu leben, geht es mir wahrscheinlich besser als in einer Anarchie, in der mir das nicht glückt. Gelingt es mir dann auch noch, die schönen Bedürfnisse eines Salafisten zu sehen— so wie heute beim Lesen von »Generation Allah« —, fühle ich mich wirklich frei, ganz unabhängig von der aktuellen Regierungsform.