Die GfK ist radikal

von | 7. Apr 2019 | 4 Kommentare

Wer »ja« zur GfK sagt, sagt auch »ja« zu:
Werte-Relativismus, Amoralismus, Autonomie, radikaler Selbstverantwortung, Egoismus, Hedonismus, Anarchie, Antipädagogik und Laisser-faire.
Klingt radikal — und das ist es auch.

Vor ein paar Tagen war ich bei einem Einführungsseminar zur gewaltfreien Kommunikation (GfK) und diese Erfahrung hat mich inspiriert, noch einmal darüber nachzudenken, ob und wie man eine Einführung didaktisch anders aufbereiten könnte. Eine Weile dachte ich, dass es nicht sinnvoll ist, mit den vier Schritten (Beobachtung, Gefühl, Bedürfnis, Bitte) anzufangen. Im Alltag nutze ich die vier Schritte nämlich praktisch nicht mehr, obwohl ich mir einbilde, nach fast 20 Jahren GfK Konflikte immer seltener aufkommen zu lassen bzw. schneller lösen zu können. Ich hielt die Gefahr beim Start mit den Schritten für zu groß, dass dabei die Botschaft empfangen wird, die gewaltfreie Kommunikation sei hauptsächlich eine Sprache, die man lernt und die vier Schritte wären eine Technik, die es nur anzuwenden gelte, um das eigene Leben und das der Mitmenschen angenehmer zu machen. Tatsächlich ist die GfK-Technik ohne die verinnerlichte Lebenseinstellung dahinter wie eine Spritze ohne Inhalt. Gleichwohl können die vier Schritte die Philosophie der GfK konkret und anschaulich machen. Ich würde deshalb auch nach erneuter Reflexion mit den vier Schritten beginnen, aber sie noch stärker mit der dahinterstehenden Philosophie verknüpfen. Hier meine Gedanken zu den vier Schritten.

1. Beobachtung
In der Gfk bleibt die Beobachtung frei von jeglicher Bewertung. Also nicht: »Hier ist ja ein Saustall«, sondern »Hier liegen drei Paar Socken, vier benutze Teller und drei halbleere Chipstüten auf dem Boden«. Natürlich ist es unmöglich, grundsätzlich auf Bewertungen zu verzichten, aber die GfK bestreitet die Nützlichkeit von allgemeingültigen Wertemaßstäben, also Moralvorstellungen oder Normen, die für alle gelten. Deshalb werden allgemeine Kategorisierungen wie »gut / schlecht«, »gerecht / ungerecht« oder »richtig / falsch« vermieden. Die Philosophen nennen das Werte-Relativismus. In der GfK wird nur bewertet, ob etwas die eigenen Bedürfnisse befriedigt oder nicht. Laute Musik kann zum Beispiel für den einen etwas Angenehmes sein und für den nächsten etwas Unangenehmes. Einen Verzicht auf Moral nennt man in der Philosophie Amoralismus, nicht zu verwechseln mit unmoralischem Handeln. Ich unterwerfe mich also nicht irgendwelchen Gesetzen anderer, sondern danach, ob etwas mein Leben bereichert oder nicht. 

2. Gefühle
Gefühle sind Indikatoren für den Erfüllungsstand von Bedürfnissen. Hunger signalisiert einen Bedarf nach Nahrung, Durst zeigt Wassermangel an, Frieren einen Mangel an Wärme usw. Die GfK empfiehlt, dass wir uns für unsere Gefühle grundsätzlich als selbst verantwortlich erklären. So vermeidet man einen Verantwortungstransfer in dem Sinne: »Ich bin traurig, weil du das von mir gekochte Essen nicht gegessen hast.«
Wenn ich es nicht schaffe, ein Essen zu kochen, ohne die implizite Forderung, dass es auch gegessen werden sollte, dann koche ich es nicht.

Für den Anfang genügt eigentlich die Unterscheidung von drei Gefühlen: Freude, Trauer und Angst. Freude entsteht, wenn ein Bedürfnis befriedigt ist. Trauer kommt auf, wenn ein Bedürfnis nicht befriedigt ist und sich daran auch nichts mehr ändern lässt (Tod oder endgültiger Verlust). Und Angst entsteht, wenn Bedürfnisse bedroht scheinen. Wut hingegen interpretiert die GfK als das Ergebnis eines Sollte-Denkens. Ein kleines Kind, das noch nicht selbst für sich sorgen kann, hat einen verständlichen Anspruch an seine Umwelt: »Ihr müsst für mich sorgen!« Hier ist Wut ein angemessenes Gefühl. Der Wutanfall erinnert die Umwelt daran, dass das Kind verhungert, wenn es keiner füttert. Ein Erwachsener kann für sich selbst sorgen. Kommt bei ihm Wut auf, kann er sie als Erinnerung für einen Verantwortungstransfer willkommen heißen und nach dem zugrundeliegenden Sollte-Denken fahnden: »Ein anderer oder die anderen hätten dies oder jenes tun sollen, sich so oder so verhalten müssen.«

Der GfKler vermeidet auch jede Opfersprache (Rosenberg nennt es Amtssprache), wie zum Beispiel »ich sollte« oder »ich muss«. Er ist sich bewusst, dass jede Entscheidung das Ergebnis eines Preisvergleiches ist. Beispielsweise muss niemand zur Arbeit gehen. Wer sich fürs Arbeiten entscheidet, will eben nicht mit den Konsequenzen des Nicht-Arbeitens leben. Wenn ich das »ich muss zur Arbeit« ersetze durch »ich will zur Arbeit«, bin ich kein Opfer mehr, sondern der Entscheider.

3. Bedürfnisse
Die GfK kennt nur Bedürfnisse, meint damit aber Triebkräfte
und Bedürfnisse. Die menschlichen Triebkräfte sind u.a.: Sicherheit, Bindung, Lernen, Gestalten, Ästhetik und Sex. Um diese endogenen Triebkräfte ausleben zu können, bedarf (deshalb Bedürfnisse) es manchmal bestimmter Dinge von außen (exogen): Raum, Luft, Wasser, Nahrung, Wärme, Rohstoffe, andere Lebewesen etc.
Die GfK empfiehlt keinesfalls ein aufopferndes Leben, in dem die eigenen Triebe und Bedürfnisse hinter die der anderen gestellt werden. Wohlsein stellt sich erst ein, wenn die eigenen Triebe ausgelebt und die eigenen Bedürfnisse befriedigt sind. Die Überzeugung, dass alles Handeln des Menschen darauf zielt, sein Wohlbefinden zu mehren, nennt man psychologischen Egoismus oder psychologischen Hedonismus.
Im Gegensatz zu diesem philosophischen Verständnis wird im Alltag mit Hedonismus — meist abwertend — eine rücksichtslos egoistische Lebenseinstellung bezeichnet, die nur an momentanen Genüssen orientiert ist. Rücksichtsloser Egoismus führt aber schon allein deshalb nicht zu einem Maximum an Wohlbefinden, da einer der menschlichen Triebe der nach Bindung ist und wir auch Spiegelneuronen haben.
Beim Thema Triebe und Bedürfnisse halte ich noch die Abgrenzung zu Strategien für wichtig: Das sind Handlungen, um Triebe oder Bedürfnisse zu befriedigen. Wenn ich mir also zum Beispiel Vertrauen, Respekt oder Anerkennung wünsche, dann sind das Strategien, die an einen Menschen und sein Verhalten gebunden sind. Dahinter steckt wahrscheinlich der Bindungstrieb. Macht man sich den Unterschied klar und verheiratet sich nicht mit einer bestimmten Strategie, lässt sich ein Trieb oder Bedürfnis meist einfach befriedigen. Außerdem ist auch hier die Gefahr eines Verantwortungstransfers nicht so groß.

4. Bitten
Wer die Haltung der GfK verinnerlicht hat, stellt keine Forderungen mehr. Der Unterschied von einer Bitte zu einer Forderung besteht darin, dass das Gegenüber eine Bitte mit »nein« beantworten kann, ohne Strafe, Beschämungen oder Liebesentzug befürchten zu müssen. Wer keine Forderungen mehr stellt, verzichtet also auf Herrschaft und das nennt sich Anarchie (ohne Herrschaft). Das Wort Gewalt kommt übrigens aus dem Althochdeutschen (waltan) und bedeutet »beherrschen«. Ohne Forderungen ist eine klassische Erziehung auch nicht mehr denkbar. Wer die GfK verinnerlicht hat, reiht sich also bei den Anti-Pädagogen ein. Das hat dann nichts mehr mit antiautoritärer Erziehung zu tun. Hier sollten die Kinder nämlich so geformt werden, dass sie autoritäts- und kapitalismuskritisch werden. Die Erziehung der 68er war also auch ein Mittel, um die Welt zu retten oder zumindest nachhaltig zu verändern. Ein egoistisch denkendes und handelndes Kind wäre eine sehr irritierende Vorstellung für einen sozialistisch orientierten Erzieher.

Wie könnte man also diese Haltung nennen? Der Begriff, der es aus meiner Sicht am besten beschreibt, lautet: Laisser-faire und zwar mit r geschrieben und nicht mit z. Was ist der Unterschied? Laissez-faire mit z ist der Imperativ, also die Befehlsform. Das beschriebe eine Haltung, in der ich zwar die anderen machen lasse, was sie wollen, diese Haltung aber auch von den anderen mir gegenüber erwarte. So nach dem Motto: »Ich bin gewaltfrei, ihr aber bitteschön auch!« Laisser-faire mit r kennt keinen Befehl mehr; es ist der Infinitiv und die Haltung dahinter lautet: »Ich lasse dich machen und wenn du mich nicht machen lässt, sehe ich mich in der Verantwortung, damit umzugehen.« Ich bin weder Moralist noch Missionar. Ich bin allerdings auch kein radikaler Pazifist. Greift mich also jemand an, werde ich mich mit Mitteln zur Wehr setzen, die ich für angemessen erachte.

Ähnlich radikal wie Marshall Rosenberg fand ich bis jetzt eigentlich nur Max Stirner: amoralistisch, autonom, egoistisch, anarachisch, ja sogar anti-pädagogisch.