Sprache des Herzens

Wie Wolf Schneider festgestellt hat, bewässern wir Menschen Wüsten, komponieren Symphonien, bauen Wolkenkratzer und haben uns eine Welt eingerichtet, in der man Schoßhündchen am Bruch operieren und in Waldmittelbach frische Nelken aus Kolumbien kaufen kann.

Ist es da nicht erstaunlich, dass wir es noch nicht geschafft haben, in Frieden mit uns und unseren Nachbarn zu leben? Wir streiten uns in der Familie, am Arbeitsplatz, mit unseren Freunden und in inneren Monologen mit uns selbst. Es ist schon faszinierend, auf welch ungeschickte Art wir unsere Bedürfnisse nach Bindung, Autonomie und Sicherheit zu befriedigen suchen.

Der Amerikaner Marshall Rosenberg hat eine Sprache entwickelt, in der Empathie die Hauptrolle spielt. Er schlichtet seit 40 Jahren weltweit in Krisengebieten Konflikte, und seine Seminare sind ausgebucht, wo auch immer er auftritt. Hinter seiner Philosophie steht eine Grundhaltung, die der des Buddhismus ähnelt: Wer Frieden im Außen will, muss Frieden im Inneren schaffen.

In der bildhaften Sprache Rosenbergs leben wir entweder in einer Wolfswelt oder in einer Giraffenwelt. Da ich in einem Text über einfühlsame Kommunikation nicht selbstwidersprüchlich andere bewerten will, spreche ich im Folgenden einfach von mir:

In meinem Wolfsmodus bewerte und klassifiziere ich alles. Ich interpretiere, kritisiere, und ich weiß immer, was mit anderen nicht stimmt und was sie falsch machen. Ich lobe oder strafe und drohe mit Strafen oder Liebesentzug. Ich meine ein objektives Bewertungssystem zu haben und spreche in »Du-bist-Sätzen«. Ich achte auf Regeln und Normen, fühle mich meist im Recht und suche immer nach Schuldigen. Bei Kritik an meiner Person fühle ich mich angegriffen, verletzt oder schuldig, und darauf reagiere ich mit Rechtfertigungen, Gegenangriffen oder Schmollen. In diesem Modus liege ich meist mit mir und dem Rest der Welt im Clinch.

Den Leser erinnert das wahrscheinlich an viele Bekannte; vielleicht gab es aber auch schon mal den ein oder anderen Moment, in dem er bei sich selbst zumindest leichte Anflüge eines Wolfsmodus erlebte? Hinter meiner Wolfssprache steckt meist der tragische Versuch, ein unerfülltes Bedürfnis auszudrücken und zu befriedigen. In meinem Wolfsmodus spreche ich jedoch nicht von meinen Gefühlen und Bedürfnissen (»ich fühle mich gerade einsam und brauche etwas Nähe«). Meist sind mir die aktuellen Gefühle und Bedürfnisse nicht einmal bewusst. Ich erwarte aber implizit von meinem Gegenüber, dass er meine Bewertungen, Kritik oder Polemik auf eine Weise dechiffriert, bei der ich das bekomme, was ich mir tief im Innersten wünsche.

Als ich mir dieser Dinge in meinem ersten Seminar mit Rosenberg bewusst wurde, wusste ich nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Eine Frage, die immer wieder auftaucht, lautet: »Will ich Recht haben oder glücklich sein?« Auch wenn niemand in seinem Leben auf Bewertungen verzichten kann, versuche ich so oft wie möglich, sie zu transformieren: Statt zu sagen, etwas sei objektiv gut oder schlecht, richtig oder falsch, moralisch oder unmoralisch, halte ich es inzwischen für nützlicher, meine Beobachtungen zu klassifizieren in »befriedigt meine Bedürfnisse« und »befriedigt meine Bedürfnisse nicht«. Diese Unterscheidung hilft mir auch bei der Einfühlung in andere Menschen: Dort heißt es dann »befriedigt deine Bedürfnisse« und »befriedigt deine Bedürfnisse nicht.«

Wenn es nach der Identifikation der Beobachtungen, Gefühle und Bedürfnisse um die Suche nach einer alternativen Strategie geht, versuche ich in meinem Giraffenmodus nicht mehr Forderungen zu stellen, sondern Bitten zu formulieren. Der Unterschied besteht darin, dass mein Gegenüber Bitten im Gegensatz zu Forderungen auch ablehnen kann, ohne die Folgen fürchten zu müssen.

Die große Kunst besteht nun darin, dieses Übersetzungs-Programm zu verinnerlichen, sodass man Angriffe, Vorwürfe, Kritik und Beleidigungen anderer gar nicht mehr hört, weil man sofort die Gefühle und unerfüllten Bedürfnisse dahinter sieht. Das erspart einem wütende oder depressive Reaktionen, also Aggression nach außen oder innen.

Ich kann Rosenbergs Konzept auf einer Internetseite nicht einmal annähernd gerecht werden, aber ich hoffe zumindest, Neugier geweckt zu haben. Die häufig gestellte Frage nach Literaturtipps zum Thema beantworte ich immer gleich: Wenn Sie sich dieses Interview mit Gabriele Seils kaufen, verspreche ich Ihnen, dass Sie es viele Male hören werden.

Die Implikationen dieses Konzepts sind jedoch viel weitreichender, als sich die meisten seiner Vertreter eingestehen wollen. Hier eine kleine Utopie von mir, in der Obama seinen Rücktritt bekannt gibt, weil er erkannt hat, dass Politik immer Gewalt bedeutet:

Wie könnte jetzt eine Welt aussehen, in der die meisten Menschen erkannt haben, dass Gewalt kein nützliches Mittel ist, Probleme zu lösen? Zunächst muss klar sein, dass verteidigende Gewalt weiterhin erlaubt sein muss, und das hat Marshall Rosenberg auch immer klar gestellt. Das Problem ist initiierende Gewalt — in der GfK-Sprache: Forderungen. Oder in der Sprache des Paten: Angebote, die man nicht ablehnen kann. Forderungen sind allerdings ein fester Bestandteil eines Systems mit einem Gewaltmonopolisten. Demokratie basiert also auf Gewalt: Die Mehrheit macht der Minderheit Vorschriften und sorgt wenn nötig mit Gewalt für deren Einhaltung. Man könnte allerdings auch darauf verzichten. David Friedman erklärt das Grundprinzip:

 

Verweise

Meine Videos zur GfK bei Youtube
Meine Bedürfnisübersicht
Ausführliches PDF eines Einführungsseminars von C.Rüther