Meine GfK 1.1

von | 26. Feb 2017 | 2 Kommentare

In einigen Punkten habe ich die GfK (gewaltfreie Kommunikation) für mich weiterentwickelt. Damit will ich der klassischen GfK nichts nehmen und auch nicht denen, die mit dem Original gut zurecht kommen. Aber vielleicht gibt es Leser, die sich von meinen Gedanken inspirieren lassen.

1. Wohlwollende Grundhaltung

In der klassischen GfK (GfK 1.0) heißt es: »Wenn dich Handlungen oder Aussagen anderer stören, erinnere dich daran, dass diese Menschen nur universelle Bedürfnisse befriedigen wollen — auch wenn tragischerweise Bedürfnisse anderer auf der Strecke bleiben.«
Mir fällt es leichter, Empathie fürs Gegenüber aufzubringen, wenn ich mir Folgendes in Erinnerung rufe:

Niemand kann in einer gegebenen Situation mit seinen Genen und seinen Lebenserfahrungen anders handeln, als er handelt. Mit genau dieser Neuronen-Struktur, die bei der Handlung vorlag, war die jeweilige Handlung zwangsläufig. Ein freier Wille, der gleichsam über dem Gehirn schwebt, ist eine Illusion. Das heißt nicht, dass ich mich dem Schicksal ergeben muss. Ich kann den anderen beeinflussen, indem ich ihm zusätzliche Informationen zukommen lasse: z.B. die Bedürfnisse, die bei mir gerade zu kurz kommen.

Das Gleiche gilt bei der Selbst-Empathie: Wenn ich mich über mein eigenes Verhalten ärgere, rufe ich mir in Erinnerung, dass ich in diesem Moment nicht anders konnte. Auch hier kann ich — mit neuen Erfahrungen und anderen Gedanken — anders handeln. So gelingt es mir noch besser, meine Bedürfnisse und die der anderen zu erkennen und zu achten. Ein moralisches Sollte-Denken nach innen oder außen, löst sich so weiter auf.

Die Illusion des freien Willens gibt niemand in fünf Minuten auf. Ich habe deshalb unten noch mal mein ausführliches Video verlinkt.

2. Gefühle und Bedürfnisse

Ich halte es für sinnvoll, mich bei der Selbstempathie auf wenige Gefühle und Bedürfnisse zu beschränken. Das Gefühl genau zu finden, ist lange nicht so wichtig, wie schnell auf das unbefriedigte Bedürfnis zu stoßen. Deshalb lautet die Schnellversion für das Gefühl:

Freude: Bedürfnis ist befriedigt.
Trauer: Bedürfnis ist unbefriedigt.
Angst: Bedürfnis ist in Gefahr.
Wut: Es existiert ein Sollte-Denken.

»Weniger ist mehr« gilt bei mir auch für die Bedürfnisse: Bedürfnisse wie Wertschätzung, Gleichheit, Respekt, Vertrauen etc. haben mich oft verleitet, mich in Strategien zu verlieben, oder mich zu Sollte-Denken zu verleiten. Bedürfnisse nach dem Motto: »Ich habe das Bedürfnis, dass du …« oder »Ich habe das Bedürfnis, dass die …« versuche ich umzuformulieren bis da steht: »Ich habe das Bedürfnis nach …« Löse ich mich von jeglichem Sollte-Denken und handle ich nicht, um anschließend belohnt zu werden, steht nach diesem Anfang immer nur eines dieser Worte: Verbindung, Sicherheit oder Weiterentwicklung.

Selbst Autonomie oder Freiheit habe ich aktuell aus meiner Bedürfnis-Liste gestrichen, denn auch die öffnen meinem Sollte-Denken Tür und Tor. Ganz nach dem Motto: »Der andere sollte mich in Ruhe lassen.« Wenn mich tatsächlich jemand bedrängt, dann brauche ich »Autonomie« nicht als Bedürfnis, um mein Unwohlsein zu ergründen. Ich kann mich stattdessen fragen, was ich jetzt lieber täte: mich mit anderen verbinden oder etwas Interessantes tun, was meine Neugier befriedigt?

3. Schützende Gewalt

Eine verteidigende Gewalt gibt es für mich nur, wenn körperliche Gefahr in Verzug ist. Der Formulierung »schützende Anwendung von Gewalt« begegne ich mit größtem Argwohn. Sie verleitet mich zum Aushebeln gewaltfreien Denkens. Das Beispiel von Rosenberg war immer das kleine Kind, auf eine befahrene Straße rennt. Hier steht ein Eingriff sicher im Einklang mit der GfK.

4. Bitten statt Forderungen

Der Verzicht auf Forderungen gilt für mich nicht nur in kleinen Gruppen, sondern auch in großen Gesellschaften. Demokratie ist aus meiner Sicht gewaltfrei, wenn sie von allen Beteiligten gewünscht wird. Wird die Demokratie gegen den Willen auch nur eines Menschen weiter angewandt, handelt es sich um eine Zwangs-Demokratie, die sich nicht mit meinem Verständnis der GfK verträgt. Gleiches gilt für Gewaltmonopole, die nicht-demokratisch zustande kommen. Freiwillige Steuern, also Bitten, sind gewaltfrei; geforderte Steuern mag ich nicht gewaltfrei nennen. Daran ändert sich für mich auch nichts, egal wie edel die Zwecke sind, für die man Steuern eintreibt. Erzwungene Solidarität ist nach meinem Verständnis ein Oxymoron. Sozialgesetze oder ein bedingungsloses Grundeinkommen sind für mich eine ungeschickte Strategie, andere für das Erfüllen eigener Bedürfnisse verantwortlich zu machen.