Heinz und Herbert

von | 12. Okt 2019 | 0 Kommentare

In den Chroniken meiner Facebook-Freunde wird Heinz Rudolf Kunze gefeiert, weil er sich so anders geäußert habe als Herbert Grönemeyer, der im Tonfall und Duktus eines Diktators vor grölenden Massen schrie: »Es muss uns klar sein, dass wenn Politiker schwächeln, dann liegt es an uns, zu diktieren, wie eine Gesellschaft auszusehen hat. […] Keinen Millimeter nach rechts.«

Hier Kunzes neue Rede und meine Gedanken zu den einzelnen Passagen:

»Wir sind die Menschen, denen bei dem Wort ›Volk‹ eher das Wort ›Pack‹ einfällt als das Wort ›Volksgemeinschaft‹.«

Kunze spricht von sich im Plural. Ihm fällt bei ›Volk‹ Pack ein. Mir nicht. Wo ist der Unterschied von einem Wir-Redner zu einem Volks-Denker? Für mich ist beides ein Hinweis auf Kollektiv-Denken. Das ist meine Sache nicht. Ich sehe mich weder als Teil seines Wirs noch als Teil eines Volkes. Ich bin ein Individuum, gerne bereit, mit anderen zu kooperieren, aber allergisch gegen Zwangs-Kooperationen und Schubladisierung.

»Wir sind die Menschen, die mit Jimi Hendrix und David Bowie aufgewachsen sind und nicht mit den Finstertaler Zipfel-Lutschern und DJ Hirni.«

Ist das ein Vorwurf? Den Zeitpunkt seiner Geburt kann sich keiner aussuchen. Er will wohl sagen: »Was habt ihr denn für einen Geschmack?« Für mich kein Zeichen, der in seiner nächsten Passage beschworenen Offenheit. Ich versuche, meine individuellen Vorlieben nicht zu allgemeingültig »gutem« Geschmack zu erheben. Für mich wäre es Offenheit, den Volksmusik-Liebhabern ihre Volksmusik und den Techno-Freaks ihr Techno zu lassen.

»Wir sind die Menschen, die offen sind für die Welt. Nicht offen wie ein Scheunentor — das wäre unklug und würde hier zu einem Bürgerkrieg führen —, sondern offen im Sinne von ›neugierig‹ und ›gastfreundlich‹, weil wir auch überall, wo wir nicht zu Hause sind, Gäste sind und uns dementsprechend zu benehmen haben.«

Deutschland ist doch offen wie ein Scheunentor und wo ist der Bürgerkrieg? Wenn ich von der Politik etwas fordern würde — und sei es nur das Schließen von Grenzen — wäre das für mich ein Verantwortungstransfer nach dem Motto: Tut ihr dies und das, damit ich mich sicher fühle. »Wir haben uns zu benehmen« ist für mich die Sprache von Normopathen: So und so hat man sich zu verhalten. Ich verhalte mich, wie ich will. Aber mir ist klar: Jedes Verhalten hat Konsequenzen. Wenn ich mit anderen kooperieren will oder zumindest in Frieden gelassen werden möchte, dann verhalte ich mich empathisch und nicht normopathisch.

»Wir sind die Menschen, die nicht verbockt und miefig unter sich bleiben wollen und weder etwas gegen Fremde haben, die bei uns zu Gast sein wollen, noch gegen Fremde, die zu uns kommen, um irgendwann nicht mehr Fremde zu sein, sondern zu uns gehören wollen, indem sie alle Spielegeln akzeptieren, die hier bei uns gelten.«

Wieso sind Menschen, die unter sich bleiben wollen, verbockt und miefig? Das klingt in meinen Ohren nach Pluralismus-Diktatur. Wenn Herr Kunze Fremde zu sich nach Hause einladen möchte, bitte. Ich habe auch nicht grundsätzlich etwas gegen Fremde, aber ich habe eben auch nichts gegen Xenophobe — jeder nach seiner Façon.

»Weil solche Menschen unser Gemeinwesen bereichern, ob es sich rechnet oder nicht und uns nebenbei vor dem Aussterben retten.«

Da ist es wieder: »unser Gemeinwesen«. Ich habe kein Kollektiv-Denken. Ich stehe internationalem Sozialismus genauso argwöhnisch gegenüber wie nationalem Sozialismus. Ob etwas das Leben bereichert, kann jeder nur für sich entscheiden. Und wieso ist es Herrn Kunze so wichtig, dass Deutsche nicht aussterben?

»Wir sind die Menschen, die zutiefst davon überzeugt sind, dass das beste Heilmittel gegen Engstirnigkeit, Dummheit, Angst und Hass Bildung ist. Und wir sind entsetzt über die fast schon systematische Verblödung unserer Kinder in den öffentlichen Schulen, an denen leistungsfeindliche, kind-ungerechte sogenannte Pädagogen den Ton angeben und nicht Lehrer, die diesen Namen verdienen.«

Dass die Schule nur die »richtigen« Lehrer braucht, halte ich für einen ebenso verwirrten Gedanken wie den, dass die Politik nur die richtigen Führer braucht. Bildung — was heißt das denn? Es bedeutet Formen, Gestalten, Erziehen, Vorbild sein und Nachahmung. Das ist für mich die Krankheit, die sich als Heilmittel ausgibt. Empathie entsteht so nicht.

»Wir sind die Menschen, die sich Sorgen machen um die Zukunft, aber auch um die Gegenwart, denn wir haben schon genug Hysterien, Panikmachen und Aufregungs-Moden miterlebt wie Achtundsechziger, Nachrüstung, Waldsterben, Atomfurcht. Wir halten nichts von vorwiegend jugendlichen, durchgeknallten Sekten, die sich aufführen wie im finsteren Mittelalter und mit veganem Schaum vor dem Mund am liebsten alle SUV-Fahrer kreuzigen möchten. Zukunft ja — aber nicht mit tollwütigen Verboten, Reglementierungen und Zwängen, sondern mit kreativen Innovationen und Initiativen.«

Hier bin ich zwar inhaltlich bei Kunze, aber didaktisch auch nicht. Es klingt mir zu sehr nach der Strategie, das Verbieten zu verbieten. Die Frage lautet doch, warum die Jugendlichen nach Verboten schreien? Antwort: Weil sie nichts anderes kennengelernt haben. Zu Hause, in der Kita und der Schule hieß es immer: Es wird das gemacht, was wir für richtig halten, egal, wie du dich dabei fühlst. Fridays for future ist daher nichts anderes als Reaktanz: »Jetzt wollen wir euch auch mal was verbieten. Jetzt machen wir die Moral zum Schlagstock.« Fridays for future spiegelt die Erziehung der Erwachsenen und deshalb sind ja auch so viele Erwachsene davon begeistert.

»Wir sind weder Moralpächter und Correctness-Klugscheißer noch rechtsdrehende Ratten für die diesbezüglichen Fänger.«

Wer sagt, was allgemeingültig richtig und falsch ist, schön oder hässlich, kulturell wertvoll oder wertlos ist für mich ein Moralpächter.

Wir sind die Bewohner dieser schönen Gegend.

q.e.d.