Anja Reschke zum Holocaust

von | 27. Jan 2017 | 0 Kommentare

Reschkes Video allein hätte mich vor zwei Jahren nicht zu einem Kommentar bewegt, aber die Tatsache, dass es so oft geteilt wird (28.000 Mal nach einem Tag) und jetzt überall auftaucht, auch bei meinen Facebook-Freunden.

Normalerweise halte ich mich bei national-sozialistischen Themen raus, denn wenn man sich da nicht an den staatlich und gesellschaftlich geforderten Duktus hält, hat man die Nazi-Keule schneller am Schädel als man seinen Laptop zuklappen oder die Kamera ausschalten kann. Und dabei sind die erwünschten links-intellektuellen Positionen erheblich näher an den geächteten rechten als meine, denn das Gegenteil von rechts ist natürlich nicht links, sondern freiheitlich.

Ich bin wie Frau Reschke in der dritten Generation, war also auch nicht dabei, aber ich schäme mich nicht, wenn ich Bilder aus Auschwitz sehe. Und ich hoffe auch, dass mein Sohn sich deshalb nie schämen wird. Immer wenn ich die Floskel »gerade wir« höre, schnellt reflexartig meine rechte Augenbraue nach oben. Das ist doch nichts anderes als Denken in nationalen Kategorien. Warum soll sich der Deutsche, der damals nicht lebte, mehr schämen als der Holländer? Weil er zufälligerweise in der Nähe geboren wurde? Wenn schon Scham, dann bitte alle Spätergeborenen gleich viel Scham für die menschliche Rasse. Aber auch das ist Quatsch. Aus Scham entsteht selten etwas Wünschenswertes.

Ich empfinde Entsetzen, Schmerz, Trauer, Mitgefühl, Unverständnis aber keine Scham. Das Induzieren von Scham — und in diese Kategorie fällt auch Reschkes Kommentar — mag ein nützliches Instrument derjenigen sein, die Macht haben; denn Menschen, die sich schämen, lassen sich hervorragend kontrollieren. Und genau deshalb sind Scham-Induzierungen gefährlich, egal ob sie aus dem rechten oder linken Lager kommen.

Mir fehlt es in diesem Beitrag auch an Empathie; Empathie gegenüber denen, die sich in den Umfragen gegen den Status quo im Umgang mit den Naziverbrechen aussprechen. Nicht jeder, der die verordnete Dauer-Scham leid ist, ist ein Nazi oder Ausländerfeind. Mir ging es schon in der Schule auf den Senkel, dass das Thema Nationalsozialismus in jedem Fach mehrfach durchgekaut wurde — und damals war ich noch überzeugter Öko-Sozialist. In Politik, Geschichte, Deutsch, Philosophie, Sozialkunde, Englisch wurde jede erdenkliche Gelegenheit genutzt, das dritte Reich zum Thema zu machen. Mich stört auch die Tatsache, dass man in Deutschland eingesperrt wird, wenn man die Naziverbrechen leugnet. Man darf doch auch die Schwerkraft leugnen oder die Photosynthese. So blöd das auch wäre. Ich glaube mit Zwangsbeschäftigung und Leugnungsverbot leistet man der Sache einen Bärendienst, weil man so viel eher Reaktanz provoziert. Wer will schon vorgeschrieben bekommen, wie er über bestimmte Sachen zu denken hat? Wem die Fakten allein nicht reichen, um Betroffenheit zu empfinden, dem ist eh nicht zu helfen — und als letztes mit Zwang.

Mich beschlich schon in der Schulzeit die Vermutung, dass das penetrante Verteufeln des Nationalsozialismus nicht zuletzt dem Ziel diente, uns dazu zu nötigen, dem aktuellen System größtmögliche Dankbarkeit entgegenzubringen. Um nicht missverstanden zu werden: Natürlich ist der Nationalsozialismus das viel größere Übel im Vergleich zu einem international ausgerichteten Sozialismus mit demokratischen Einflüssen, also unserem jetzigen System. Nur — und da knüpfe ich an Reschkes Kommentar an — ein Schluss-Strich darf auch hier nicht gezogen werden. Die Demokratie ist hoffentlich nicht der Höhepunkt und das Ende der menschlichen Bemühungen um ein friedliches, tolerantes und freiheitliches Zusammenleben. Damit wir da aber weiterkommen, braucht es Empathie, Vertrauen und Toleranz. Und genau das alles fehlt mir in diesem Kommentar. Deshalb kann ich leider nicht in den allgemeinen Applaus mit einstimmen.

Um aber nicht selbstwidersprüchlich zu wirken: Natürlich habe ich auch Mitgefühl mit einer Angestellten eines öffentlich-rechtlichen Senders. Mit ihrem Hintergrund würde ich wahrscheinlich genau den gleichen Kommentar abgeben. Und so haben meine Gene, Erziehung und Lebenserfahrungen eben dazu geführt, dass ich eine fast diametral entgegengesetzte Meinung entwickelt habe. Aber ich bin mir dessen bewusst und kann nicht nur mit den Naziopfern mitfühlen, sondern auch mit den Tätern. Solange man diesen Frieden in seinem Herzen, also im Inneren noch nicht geschaffen hat, wird es auch nichts mit Frieden im Äußeren, also der Welt. Ich teile also nicht die Sorge von Frau Reschke, dass der Holocaust vergessen wird. Meine Sorge ist eher, dass der Begriff »Democid« im Gegensatz zu »Genozid« wahrscheinlich noch nicht einmal einem Promille der Menschen überhaupt etwas sagt, obwohl wir hier von 169 Millionen Opfern reden, die den Tod fanden. Ganz ehrlich? Da wird mir ganz schlecht.