Ich bin ja kein Nazi, aber …

von | 24. Aug 2015 | 1 Kommentar

Enno Lenze ist der größte Test meiner Giraffenohren in einer an Giraffenohrentests nicht armen Epoche.

Ich finde es wunderbar, wenn Menschen anderen Menschen freiwillig helfen. Ich finde es auch wunderbar, wenn Menschen manchen anderen Menschen nicht helfen wollen, denn dann sind andere Bedürfnisse offensichtlich gerade wichtiger.

 
Ich kann es auch verstehen, wenn es für manchen freiwilligen Helfer bisweilen schmerzhaft ist, zu sehen, dass nicht alle anderen potenziellen Helfer mithelfen wollen. Da kann man dann gute Argumente vortragen — zumindest so lange der potenzielle Helfer gerne zuhört. Man kann auch Bitten formulieren. Man kann beschreiben, wie sehr man den Hilfsbedürftigen das Leben bereichern kann. Alles wunderbar. Den potenziellen Helfer zu diffamieren, ihn in die Nazi-Ecke zu stellen oder zu fordern, dass man ihm mit Gewalt sein Eigentum wegnimmt, halte ich allerdings für eine höchst ungeschickte Strategie. Es nützt natürlich auch nichts, Enno Lenze jetzt zu schelten. Sein Beitrag ist ebenso Ausdruck universeller Bedürfnisse.
Vielleicht ist der Dialog von Antifaschisten und libertär Denkenden in der kommenden Zeit noch wichtiger als der von so genannten Rechten mit Ausländern?

Klar können wir uns beschimpfen, bekämpfen und beleidigen, um die Stammtischhoheit zu erlangen, großen Applaus in der Talkshow zu ernten oder viele Likes bei Facebook zu sammeln — aber bringt uns das weiter?
Mit harten Bandagen für den Frieden zu kämpfen, ist meiner Meinung nach selbstwidersprüchlich, zumindest aber nicht erfolgversprechend. Ich glaube die kommende Zeit wird eine wahre Prüfung für unsere Konfliktfähigkeit. Wenn der Krieg in der Gesellschaft richtig ausbricht, nützt es wenig, zu sagen »aber ich habe doch Recht und die besseren Argumente«. Im Krieg verlieren beide.

Ich glaube auch nicht an die Weisheit des Satzes: »Der Klügere gibt nach.« Ich glaube, der Klügere denkt länger nach und wenn der Klügere dadurch zum Weiseren wird, dann steigt seine Empathiefähigkeit, dann können sich erst Fenster öffnen, später Türen und am Ende Herzen. Und dann entstehen Lösungen von denen vorher keiner etwas ahnte. Ja, ich weiß: Das klingt naiv, weltfremd und viel zu optimistisch. Aber ich glaube das ist unsere einzige Hoffnung.

Mein Traum wäre auch, wenn jeder seinen Wohnort weltweit — unbehindert von willkürlichen Staatsgrenzen — wählen könnte. Voraussetzung dafür wäre, Staatsgrenzen abzuschaffen.
Voraussetzung dafür wäre, Staaten abzuschaffen.
Voraussetzung dafür wäre, den Glauben an Staaten zu verlieren.
Voraussetzung dafür wäre, den Glauben an ein Gewaltmonopol aufzugeben.
Voraussetzung dafür wäre, zunächst im Privatleben zu erkennen, dass es auch ohne Zwang und Gewalt geht.

Und das — ist ein großer Schritt. Das schaffen wir nur, wenn wir uns gegenseitig unterstützen, wenn wir es uns gegenseitig vorleben, wenn wir unser tägliches Scheitern teilen, wenn wir uns immer wieder verzeihen, wenn wir uns gegenseitig ermutigen, wenn wir wohlwollend mit uns selbst und anderen umgehen. Es gibt viel zu tun — ich fang schon mal an.