Zwei Gedichte

Ich habe in meinem Leben genau drei Gedichte geschrieben. Das zweite habe ich sogar auswendig gelernt und vorgetragen.

Genau genommen ist das erste auch nur eine Renovierung. Die Idee stammt von Freeman dem Blogger. Es ist aber dann doch ganz anders geworden.

Geplatzte Träume

Ich wollte Milch und bekam nur die Flasche,
ich wollte Nähe und schlief in der Wiege,
ich wollte Liebe und sie ließen mich schreien.

Ich wollte spielen und kam in die Kita,
ich wollte Freiheit und sie setzten Grenzen,
ich wollte schimpfen und sie sagten: Nein!

Ich wollte lernen und musste zur Schule,
ich wollte Bindung und wurde gelobt,
ich wollte leben und sie mich schön selbstlos.

Ich wollte Frieden und sie zogen mich ein,
ich wollte Wahrheit und hörte nur Lügen,
ich wollte weinen und sie spendeten Trost.

Ich war kreativ und schrieb nur Berichte,
ich hatte Motive und bekam Motivierung,
ich wollte Vertrauen, empfand Boni als Verrat.

Ich wollte helfen und sie soziale Gesetze,
ich wollte Sicherheit und glaubte lange an Rente,
ich wollte Recht und sie mästeten den Staat.

Ich wollte sparen und sie druckten mehr Geld,
ich wollte Freiheit und bekam Demokratie,
und nun ist mir klar:
Ich wollte das Gute und bin eigentlich »sie«.

 

Vom Sollen zum Sein

Umwelt, Politik, Karneval und Frau —
des Bürgers Wissen ist da eher mau.
Ich hingegen wusste ganz genau,
bei der Moral, da gibt’s kein Grau.

Apostelgleich lief ich durchs Land,
bis ich genügend andre fand.
Alle sollten sich schön richten
nach diesen Normen, Werten, Pflichten.

Auf dass jeder bald erfährt,
was man macht, was sich gehört,
bewarb ich mich in der Partei,
denn akzeptiert wird da auch Blei.

Das Parteiprogramm, ganz schlicht:
»Das hier braucht man alles nicht:
Plastik, Fleisch, Atom und Kohle —
auch der Markt dient niemands Wohle.«

Tugenden sind viel zu rar,
das sei heute jedem klar.
Egoisten wären zu bekehren,
dass Altruisten sich vermehren.

Glücklich wurd’ ich leider nicht;
ich spie ja jedem ins Gesicht.
»Du stehst im Schatten, ich im Licht.«
Doch eines Tages eine neue Sicht:

Ich begann im Hirn zu wühlen
und fand da Spuren von Gefühlen.
Angst und Trauer hatte ich verpackt,
denn Fremden zeig ich mich nicht nackt.

Wut hingegen konnt’ ich kaum verstecken.
Die drang bei mir aus allen Ecken.
Grund für meine dauernde Empörung?
Die andren! Die hatten ja ’ne Störung.

Ein Schlag auf meine eigne Stirn
entwirrte dieses Knäuel im Hirn.
Die schlichte Lösung, das ahnste nie,
war ’ne Menge Empathie.

Fahndung nach dem Fühlen und dem Wollen?
Oje, das ist das Gegenteil vom Sollen.
Nach dieser Einsicht aber ging es flott:
20 Jahre — und zack entfiel der Spott.

Auch der Zynismus und die Ironie
waren ungeschickt als Strategie.
Um mich herum nur Apathie —
Verbindung fand ich leider nie.

Und die Moral von dem Gedicht?
Moral? Die brauch ich nicht.
Da subjektiv für mich die Werte,
greif ich zur Bitte statt zur Gerte.

Ich geb’ zu, hab mich verrannt,
bin heute aber ganz entspannt:
Auch trotz moralischem Getöse
leb ich jenseits Gut und Böse.

Noch diese Botschaft sei gesandt
an Libertäre hier im Land:
Ohne Moral ist man kein Nihilist,
der womöglich Kinder frisst.

Es hat ’ne gewisse Eleganz,
in mir steckt — und zwar ganz —,
meine eigene Instanz.
Ja, ich weiß: Das hat Brisanz.

Naserümpfend heißt es gern:
»Hedonist? Halt dich bloß fern!«
Der Schlüssel, das möcht’ ich hier betonen,
sind die spiegelnden Neuronen:

Schon Babys ham’s in ihren Speichern,
das Leben andrer zu bereichern.
Und nicht, weil Mami danach lacht,
sondern da es ihnen Freude macht.

So trau ich heut der menschlichen Natur.
Als Sozialist hingegen, da war ich stur.
Ich wusste: »Menschen kann man nicht vertrau’n.
Jeder braucht ’nen eignen Zaun!«

Statt mich den ganzen Tag zu grämen
und Moralisten zu beschämen,
hab ich jetzt ’nen andren Plan,
befreie mich aus meinem Wahn.

Als Produkt der Umwelt und der Gene,
steht der Mensch in jeder Szene,
stellt sich breit und schreit ganz laut,
aber kann doch nicht aus seiner Haut.

Obsolet sind Stolz und Scham,
denn zu prahlen mit dem Kram,
den man vor Geburt bekam,
ist doch eigentlich recht lahm.

Und nun, was bleibt hienieden?
Was wird dir und mir beschieden?
Versöhnt mit meinen kleinen Trieben
bin ich eigentlich zufrieden.

Statt dogmatischem Gebelle
Laisser-faire in jeder Zelle.
Das Leben ohne »Muss« und »Soll«
spart mir so viel Frust wie Groll.