Moralentwicklung

von | 14. Feb 2018 | 0 Kommentare

In Anlehnung an Lawrence Kohlbergs Theorie der Moralentwicklung habe ich die Entwicklungsstufen des Menschen aus meiner heutigen Sicht zusammengefasst. Es handelt sich natürlich nur um eine Theorie, die sich keinesfalls erhaben fühlt über die Kritik derer, die das Zeug dazu haben.

Präkonventionell (prä-moralistisch)

In der präkonventionellen Phase dominiert die Egozentrik. Für Neugeborene zählen nur die eigenen Bedürfnisse. Ihnen fehlen schlichtweg die Kapazitäten, sich in andere hineinzuversetzen. Wie Felix Warneken jedoch herausgefunden hat (20-minütiges Video unten), zeigen schon Anderthalbjährige Empathie und die Motivation, anderen Menschen zu helfen. Bei Schimpansen war das ebenso der Fall, obwohl sie weder darauf dressiert, noch belohnt wurden. Tatsächlich reduzierten Belohnungen sogar die Wahrscheinlichkeit, dass Kleinkinder anderen halfen, wenn die Belohnung ausblieb.

Es gibt auch kalendarisch Erwachsene, die sich noch in der präkonventionellen Phase befinden und weder Empathie besitzen noch die Lust, anderen zu helfen. Was dann bleibt, ist das Ausrichten des eigenen Verhaltens an Belohnungen und Bestrafungen. Der präkonventionelle Mensch orientiert sich an wahrgenommenen Machtpotenzialen. Er befolgt die Regeln der Autoritäten, um Schmerz zu vermeiden. Er lebt dann gleichsam in einer Welt, in der aus seiner Sicht das »Recht des Stärkeren« gilt.

Konventionell (moralistisch)

In unserer Gesellschaft werden praktisch alle Kinder zu moralischem Verhalten erzogen, die einen mehr, die anderen weniger, manche erfolgreicher, manche weniger erfolgreich. Es gibt verschiedene Phasen:

Klassischer Moralist:

Der klassische Moralist unterwirft sich den Erwartungen anderer auch aus eigener Überzeugung, nicht nur aus Angst vor Strafe, so wie der Präkonventionelle. Beim klassischen Moralisten haben Umwelt und Erziehung dafür gesorgt, dass er gesellschaftliche Normen für allgemeinverbindlich hält und somit auch als für ihn selbst als verbindlich. Wenn er gegen sie verstößt, empfindet er Schuldgefühle. Der klassische Moralist ist je nach Rolle nicht nur Befehlsempfänger, sondern auch Befehlsgeber: zum Beispiel als Elternteil gegenüber seinen Kindern, als Vorgesetzter gegenüber seinen weisungsgebundenen Mitarbeitern oder als Lehrer gegenüber seinen Schülern. Weichen andere von den Normen ab, wird er mitunter als Staatsanwalt, Polizist, und Richter in Personalunion tätig — wenn nötig auch als Vollzugsbeamter. Das heißt er klagt Normabweicher an, verurteilt und bestraft sie gegebenenfalls. Hierarchien sind für klassische Moralisten stark handlungsbestimmend und oft gilt: nach oben buckeln, nach unten treten.

Neo-Moralist:

Neo-Moralisten halten allgemeinverbindliche Handlungsnormen weiterhin für richtig und deshalb werden Abweichler immer noch mit Beschämung bestraft. Das Grobe überlässt der Neo-Moralist jedoch staatlichen Agenten, die er per Stimmzettel »legitimiert«. Er hat das Amt des Staatsanwaltes, Polizisten, des Richters und Vollzugsbeamten also abgegeben und betätigt sich nur noch gelegentlich als Denunziant. Der Neo-Moralist ist insofern aufgeklärt, als dass er Gewaltenteilung, ein staatliches Gewaltmonopol und Demokratie für richtig hält. Er hält es auch für rückständig, allgemeinverbindliche Normen aus religiösem Glauben abzuleiten. Er möchte sie rational hergeleitet und gut begründet wissen, zum Beispiel mit dem Wohl aller. Wahrscheinlich sind 99 Prozent aller Intellektuellen Neo-Moralisten.

Minimal-Moralist:

Bei manchem Neo-Moralisten entsteht eine so große Unzufriedenheit mit dem Status quo in der Gesellschaft, dass er die Konventionen hinterfragt. Er wird zum Minimal-Moralisten und will die Normen so weit wie möglich reduzieren. Nach seiner Vorstellung sollten die Normen so eng gesteckt sein, dass nur noch die Ideen des Selbsteigentums, das unbedingte Recht auf Privateigentum und das Nichtaggressionsprinzip übrig bleiben. Hiernach kann keiner über den Körper, die Lebensweise oder die Früchte der Arbeit eines anderen bestimmen. Jeglicher Einsatz von Gewalt oder die Drohung damit verletzt die Freiheit anderer und wird deshalb abgelehnt, außer bei Notwehr.

Der Minimal-Moralist hält diese Normen für allgemeinverbindlich und sie sind mit einem Staat und staatliche Agenten unvereinbar. Er nutzt seine Normen auch als Maßstab für andere und bestraft Abweichler mit Beschämung. Auf Gewalt als Notwehr gegen staatliche Forderungen verzichtet er nur, weil der Gegner übermächtig ist, nicht weil er dessen Autorität anerkennt.

Postkonventionell (post-moralistisch)

Es gibt Menschen, die verzichten darauf, anderen und sich selbst allgemeinverbindliche Handlungsnormen aufzuerlegen. Das entzieht  jedwedem »Sollte-Denken« die Grundlage. Als Handlungskompass bleiben die eigenen Bedürfnisse. Normen werden aber auch nicht reflexartig rebellierend abgelehnt, denn das Erfüllen einer Norm kann manchmal die eigenen Bedürfnisse bestmöglich erfüllen. Diese Haltung ist auch nicht relativistisch, denn ein Zustand, in dem mehr menschliche Bedürfnisse befriedigt werden, wird weiterhin einem vorgezogen, in dem das weniger der Fall ist.

Prä-Post-Verwechslung

Wichtig ist noch die Kenntnis der Prä-Post- oder der Prä-Trans-Verwechslung: Die präkonventionelle Stufe wird nämlich oft mit der postkonventionellen verwechselt, weil beide nicht konventionell sind. Hierbei wird beispielsweise der Zustand eines Neugeborenen häufig zu etwas hochstilisiert, was es nicht ist. Nur weil das Kind noch frei von Moral ist, kann dieser Zustand nicht das Ziel desjenigen sein, der in der konventionellen Phase über die Moral hinauswachsen will. Es geht für ihn also nicht darum, gleichsam zurück zur »Unschuld des Kindes« zu gelangen, sondern die vorausgegangenen Phasen zu transzendieren. Kulturell ist das vergleichbar mit einer verklärten Vorstellung des edlen Wilden, der angeblich im Einklang und Frieden mit der Natur und allen anderen Erdenbewohnern gelebt hat.

Ebenso verkehrt wäre es, einem Postkonventionellen infantil-egozentrisches Denken und Verhalten vorzuwerfen. Er ignoriert zwar manchmal moralische Normen, so wie das Kleinkind, aber nicht weil er die Normen nicht kennt oder er sie grundsätzlich ignorieren will, sondern weil in diesem konkreten Fall seine Bedürfnisse mit der Einhaltung der Norm nicht bestmöglich befriedigt werden konnten.