Meine Moralentwicklung

von | 22. Apr 2019 | 0 Kommentare

Seit über 20 Jahren interessiert mich das Thema Ethik. 2015 habe ich dazu einen Film produziert, der meine damaligen Gedanken zusammengefasst hat. Inzwischen bin ich überzeugt, dass die Moralentwicklung nicht zwangsläufig auf eine bestimmte Weise verläuft und es deshalb keine universelle Moralentwicklung gibt. Ich berichte deshalb auch nicht mehr — so wie in einer früheren Version dieses Artikels — anmaßend von der Moralentwicklung des Menschen, sondern lediglich von meiner eigenen.

1. Prä-Moralismus

In meiner präkonventionellen Phase dominierte die Egozentrik. Als Neugeborener zählten für mich nur die eigenen Triebe und Bedürfnisse. Mir fehlte schlichtweg die Kapazität, mich in andere hineinzuversetzen. Wie Felix Warneken jedoch herausgefunden hat (20-minütiges Video unten), zeigen schon Anderthalbjährige Empathie und die Motivation, anderen zu helfen. Bei Schimpansen war das auch der Fall, obwohl sie weder darauf dressiert, noch belohnt wurden. Belohnungen reduzierten sogar die Wahrscheinlichkeit, dass Kleinkinder anderen halfen, wenn die Belohnung ausblieb. Dieses Wissen hatte jedoch in meiner Kindheit niemand und so gab sich meine Umwelt größte Mühe, mich zu erziehen, und auch ich wurde zu einem Moralisten.

2a. Fundamentalistischer Moralismus

Wie alle Moralisten hält der fundamentalistische Moralist gesellschaftliche Normen für allgemeinverbindlich und somit auch für ihn selbst als verbindlich. Beim Fundamentalisten kommen die Regeln von einer Autorität (König, Papst, Guru, Gott, Allah etc.), und diese Autorität wird nicht infrage stellt. Verstößt der Fundamentalist gegen die Regeln, empfindet er Schuldgefühle. Strafen und Gewalt hält der Fundamentalist für notwendig, um die gesellschaftlichen Strukturen zu erhalten und zu stabilisieren. Hierarchien sind für klassische Moralisten selbstverständlich und deshalb haben sie auch kein Problem damit, nach oben zu gehorchen und nach unten zu treten, also auch strafend tätig zu werden.
Jetzt blieb ich in meinem Leben erfreulicherweise verschont von Autoritäten wie einem König, dem Papst, einem Guru, Gott oder Allah. Das war natürlich nicht mein Verdienst, sondern ich hatte einfach das Glück, in einer Umwelt groß geworden zu sein, in der es all das nicht gab.

Dass ich Gewalt-Hierarchien akzeptiert habe, zeigte sich aber daran, dass in meiner Clique das Gesetz des Stärkeren galt. Körperlich Überlegenen habe ich mich unterworfen; körperlich Unterlegene hatten gefälligst mir gegenüber Respekt und Gehorsam zu zeigen. Es gab also auch bei mir das klassische »Nach-oben-Buckeln und Nach-unten-Treten«. Meine Moral als Gesellschaftsmitglied war insofern auch doppelbödig, als dass ich das Befolgen der Normen von den anderen erwartet habe — »man stiehlt, betrügt und lügt nicht« —, mich selbst aber nicht daran hielt. Meine Einstellung zu Strafen war ähnlich: Grundsätzlich hielt ich sie für nötig, aber trotzdem habe ich sie verflucht, wenn ich bestraft wurde. Wurde ich bestohlen, betrogen oder belogen, habe ich versucht, beim Täter Schuldgefühle zu erzeugen. Das war aus meiner heutigen Sicht ein dunkles Kapitel meines Lebens, aber ich wusste es eben damals nicht besser. Ich blicke deshalb nicht mit Scham auf diese Zeit zurück, sondern eher mit dem Interesse, daraus möglichst viel zu lernen.

2b. Neo-Moralismus

Als Neo-Moralist hielt ich allgemeinverbindliche Handlungsnormen weiterhin für richtig, aber Gewalt-Autoritäten habe ich nicht mehr akzeptiert. Allgemeinverbindliche Normen aus religiösen Schriften abzuleiten, hielt ich ja schon immer für Unsinn, aber jetzt war mir ganz klar, dass ich Regeln nur dann akzeptieren würde, wenn sie rational hergeleitet und gut begründet sind — zum Beispiel mit dem Wohl aller. Meine Clique, in der eine Gewalt-Hierarchie herrschte, habe ich mit 15 Jahren verlassen.

So ganz von der Gewalt konnte ich mich allerdings noch nicht lösen, einfach weil meine gesamte Umwelt auch noch nicht über sie hinausgewachsen war: Ich fand, dass auch irrationale Regeln eingehalten und notfalls mit Gewalt durchgesetzt werden müssen — sofern die Mehrheit oder die Vertreter der Mehrheit sie fordern. Ich akzeptierte ein Gewaltmonopol, wenn es demokratisch zustande kam, es Gewaltenteilung und Menschenrechte gab. Körperliche Strafen lehnte ich als Neo-Moralist ab. Also keine Prügelstrafe in der Erziehung oder der Schule und keine Folter von Gefangenen. Beschämung und Bestrafung für Abweichler waren für mich aber notwendiger Teil des Programms. Selbst die Schulpflicht habe ich damals nicht infrage gestellt.

2c. Minimal-Moralismus

Erst 2005 stieß ich über Reinhard Sprengers Buch »Der dressierte Bürger«, Roland Baader und Hans-Herrmann Hoppe auf die Ideen von Minimal-Moralisten. Sie wollen die allgemeinverbindlichen Normen so weit wie möglich reduzieren, sodass nur noch die Ideen des Selbsteigentums, das Recht auf Privateigentum und das Nichtaggressionsprinzip übrig bleiben. Hiernach kann keiner über den Körper, die Lebensweise oder die Früchte der Arbeit eines anderen bestimmen. Initiierende Gewalt oder die Drohung damit verletzt aus Sicht des Minimal-Moralisten die Freiheit anderer und wird von ihm deshalb abgelehnt, außer bei Notwehr. Es ist also eine Haltung des Laissez-faire: Ich lasse die anderen machen, aber fordere, dass auch sie mich machen lassen. Minimal-Moralisten identifizieren sich mit dem bekannten Satz von Roland Baader: »Das einzige Recht ist das Recht, in Ruhe gelassen zu werden.« Aus dieser Haltung heraus habe ich mein Buch »Kein Zweck heiligt Zwang« geschrieben.

3. Post-Moralismus (Amoralismus)

Ich habe die Suche nach allgemeinverbindlichen Wertmaßstäben und Handlungsnormen inzwischen aufgegeben. Natürlich ist es unmöglich, grundsätzlich auf Bewertungen zu verzichten und deshalb bewerte ich auch noch, aber als Bewertungsmaßstab dienen mir ausschließlich meine Triebe und Bedürfnisse. Ich komme deshalb gar nicht mehr auf die Idee, meine Maßstäbe anderen zu oktroyieren. Ich meide auch allgemeine Kategorisierungen wie »gut und schlecht«, »gerecht und ungerecht« oder »moralisch und unmoralisch«. Werte sind meiner Meinung nach nämlich immer etwas Relatives: Ein Geruch, ein Geräusch, ein Anblick, ein Geschmack, ein Gefühl kann für den einen etwas Angenehmes sein und für den nächsten etwas Unangenehmes. Normen lehne ich aber keinesfalls reflexartig rebellierend ab, denn das Erfüllen einer Norm kann meine Bedürfnisse ja bestmöglich erfüllen. Diese Haltung ist deshalb nicht nihilistisch, denn ein Zustand, in dem mehr Triebe und Bedürfnisse befriedigt werden, wird weiterhin einem vorgezogen, in dem das weniger der Fall ist. Aus meinem Laissez-faire (Imperativ) in meiner neo-moralistischen Phase wurde ein Laisser-faire (Infinitiv): Ich lasse die anderen machen, erhebe aber keinen Anspruch, dass die auch mich machen lassen müssen. Das wiederum ist kein radikaler Pazifismus, bei dem ich mir alles gefallen lasse. Sicher werde ich mich weiter mit den Mitteln zur Wehr setzen, die mir angemessen erscheinen. Ich empöre mich jedoch nicht darüber, dass andere meine Rechte beschneiden, da ich nicht mehr an die Existenz von Naturrechten glaube und menschengemachte Rechte nicht mehr für nützlich halte. Ich versuche also vollständig selbstverantwortlich zu leben, ohne Sollte-Denken, Forderungen, Jammern, Ärger, Moralisieren oder Missionierungs-Ambitionen. Niemand außer mir ist für mein Glück verantwortlich.

Im Gegensatz zu meinen vorigen Stufen habe ich jetzt in der post-moralistischen Phase auch nicht mehr das Gefühl, dass die anderen falsch liegen oder unmoralisch sind. Ich denke kaum noch darüber nach, wo jemand sein sollte, sondern schaue mir lieber an, wo er ist. Er ist ja nicht zufällig oder irrtümlich da, wo er ist. Seine Gene, seine Umwelt und der Zufall haben ihn eben zu dem gemacht, was er ist. Wenn mich daran noch etwas stört, kann ich ihn inspirieren, einladen, bitten oder überzeugen. Mit Beschimpfungen oder Beschämungen werde ich wahrscheinlich nur ein Bruchteil dessen erreichen, was mit Empathie möglich ist und der Haltung: »Du kannst natürlich so bleiben wie du bist, aber vielleicht bereichert die folgende Haltung auch dein Leben?«

Mir ist auch klar, dass Moralisten eine amoralische Haltung oft für unmoralisch halten, zumindest aber für nihilistisch, fatalistisch, resignativ oder rückgratlos. Tatsächlich habe ich aber weder eine Engelsgeduld, noch bin ich besonders tolerant im eigentlichen Sinn dieses Wortes (tolerare = erdulden, ertragen). Wenn mich etwas stört, werde ich mich dafür einsetzen, dass mein Wohlbefinden wiederhergestellt wird. Ich werde das nur nicht tun, indem ich meinem Gegenüber als unmoralisch etikettiere, Forderungen stelle oder mein Wohlsein daran knüpfe, dass das Gegenüber mir recht gibt, seine Meinung ändert oder sich unterwirft. Meine ultima ratio ist das Meiden dieses Zeitgenossen. Ist das Gegenüber ein Politiker und kann er mit der Mehrheit und der geballten Staatsmacht hinter sich mit Gewalt mein Leben beeinflussen, sehe ich meine Aufgabe darin, mich unabhängig zu machen. Ich könnte zwar als Politiker meine Gewalt vor mir und anderen nicht mit dem Argument rechtfertigen: »Sie können ja auch auswandern.« Das hält mich aber nicht davon ab, trotzdem tatsächlich auszuwandern, wenn mir die Agenten des Staates zu sehr auf den Zeiger gehen. Das Universum hat mir auch nie versprochen, dass ich immer nur zwischen zwei angenehmen Alternativen zu wählen habe.

Wann immer bei mir Unmut über Moralisten aufkommt, erinnere ich mich daran, dass niemand seine Überzeugungen von heute auf morgen grundlegend ändern kann. Mir ist das ja auch nie gelungen. Irgendwann kommt bei dem ein oder anderen Unzufriedenheit mit dem Status quo auf und dann besteht die Möglichkeit, dass er den nächsten Schritt macht, aber nicht den übernächsten. Insofern ist der Minimal-Moralist vielleicht der beste Lehrer für den Neo-Moralisten und der Neo-Moralist ist vielleicht der beste Lehrer für den Fundamental-Moralisten.

Ich stelle mir natürlich die Frage: Kann man Kindern den Moralismus ersparen und sie nach der prä-moralistischen Phase gleich in ein entspanntes Laisser-faire begleiten? Sollte das möglich sein, wäre eine Voraussetzung auf jeden Fall eine weitgehend moralistenfreie Umwelt, also keine klassische Erziehung, keine klassische Schule, keine klassische Ausbildung etc. Tatsächlich interessieren mich solche Utopien nicht annähernd so sehr, wie mein eigenes Herauswachsen aus meiner moralistischen Prägung.