Normopathie

von | 25. Sep 2019 | 0 Kommentare

Seit Jahren beschäftige ich mich mit den Begriffen »Normopathie« und »Empathie«. Hier meine aktuellen Erklärungen dazu:

Normopathie:
Lat. »nōrma«: Regel, Vorschrift. Lat. »páthos«: Leid, Schmerz.
Wörtlich: Das Leiden unter Regeln bzw. Vorschriften.

Definitionen:
Jemand handelt in einer bestimmten Situation normopathisch, wenn er sich allgemeingültigen, menschengemachten Regeln und Vorschriften unterwirft — unabhängig davon, ob sie seinem eigenen Wohlsein langfristig dienen.
Empathie ist das Wahrnehmen des eigenen Fühlens und Wollens — und das der anderen.

Der Normopath hat eine nur rudimentär ausgebildete Selbstempathie, denn er hat als Kind gelernt, sein Unwohlsein zu unterdrücken. Seine Eltern haben versucht, ihn zur Tugendhaftigkeit zu erziehen und haben ihre Zuneigung an das Einhalten der von ihnen aufgestellten Normen gebunden. Der Normopath bekam als Kind nie ein Gespür für sein Fühlen und Wollen. Seine Triebe und die bei mangelnder Erfüllung auftretenden zugehörigen Gefühle hat er oft unterdrückt, weil er die lebensnotwendige Bindung zu den Eltern nicht gefährden wollte. Hierbei entstand eine früh geprägte, oft wiederholte und deshalb stabile Verknüpfung, die da lautete: »Unterwirf dich den Normen, wenn unangenehme Gefühle auftreten!« Auf dieses Muster greift der Normopath weiter unbewusst zurück, selbst wenn er sich längst zu den kalendarisch Erwachsenen zählen kann.
Mit diesen Defiziten bei der Selbstempathie kann sich auch Empathie für andere nur in engen Grenzen ausbilden.
Neben der Unterwerfung gibt es noch eine zweite Möglichkeit, auf Forderungen zu reagieren: Rebellion. Das Kind entscheidet sich aber nach einer kurzen Trotzphase mit zwei Jahren meist für die Unterwerfung. In der Pubertät nimmt der Anteil der Rebellen wieder zu. Normopathen wechseln je nach Situation oft die Rolle. Ein häufiges Muster lautet: Nach oben zu buckeln und nach unten zu treten.

Erkennungsmerkmale des Normopathen:
Die häufige Verwendung der Worte: Sollen, Müssen, Dürfen, Rechte, Pflichten, Schuld, Scham, Stolz, moralisch, unmoralisch, gut, schlecht, normal, abnormal, man (z.B.: »das macht ›man‹ nicht«, ähnlich: »das gehört sich nicht«), »ich habe keine Zeit« oder »ich kann doch nicht«, heißt meist nichts anderes als »Anderes ist mir wichtiger«.
Normopathen verdrehen ihre individuellen Neigungen häufig zu allgemeingültigen Tatsachenbehauptungen. Die Signalwörter lauten »ist« und »zu«. »Etwas ist (zu) so und so« impliziert, es gäbe eine allgemeingültige, richtige Menge von etwas.
Wut ist ein sicherer Hinweis auf Normopathie. Wut entsteht, wenn ich meiner Ohnmacht mit der Forderung begegne, andere sollten sie mit ihrer Macht ausgleichen, die das aber nicht tun.
Weitere Hinweise sind: Klagen, Kritisieren, Klatschen, Spotten, Jammern, Fordern, Missionieren. All das sind Zeichen nicht vorhandener Selbstverantwortung: Das eigene Wohlsein ist davon abhängig, wie sich andere verhalten.

Diese Erklärungen wären natürlich selbst hochgradig normopathisch, wenn sie ausdrücken würden, dass Normopathie schlecht und Empathie gut wären oder die Botschaft enthielten: »Man sollte empathischer sein und weniger normopathisch«. Jeder ist, wie er ist. Jeder kann denken und handeln wie er will. Jeder Gedanke und jede Handlung führt jedoch zu bestimmten Ergebnissen. Wer mit seinen Ergebnissen unzufrieden ist, kann eventuell mithilfe dieser Erklärungen zu anderen Gedanken und Handlungen finden und nach der Methode Versuch und Irrtum zu anderen Ergebnissen kommen.

Ich halte Empathie für einen wichtigen Schlüssel zum Glück. Meine Zufriedenheit steigt in dem Maße, in dem es mir gelingt, Unwohlsein in Wohlsein zu verwandeln. Dazu versuche ich, immer genauer auf mein Unwohlsein zu horchen — und auf das der anderen. Wenn ich welches spüre, frage ich mich, was mir fehlt und was ich tun kann, um es zu bekommen. Bei dem, was mir fehlt, orientiere ich mich an den menschlichen Trieben, als da wären: Sicherheit, Verbindung, Lernen, Gestalten, Ästhetik, Sex.

Ich selbst betrachte mich als Normopathen im Heilungsprozess und bin deshalb allen dankbar, die mich auf normopathische Gedanken von mir hinweisen.

Diese Ausführungen wären alle nicht möglich ohne den intensiven Austausch mit Ben Daniel. Deswegen schreiben wir den Roman »Der Normopath« auch zusammen. Wer dabei genau welche Idee gehabt hat, lässt sich kaum noch klären, ist uns auch egal.