Notre-Dame

von | 19. Apr 2019 | 0 Kommentare

»Scheiß auf Notre-Dame!«, sagt der Komödiant Moritz Neumeier. Zitat: »Es geht mir auf den Sack, wie Menschen Schicksale wahrnehmen.« Hier meine Meinung zu dem aktuellen Thema.

Moritz Neumeier geht es auf den Sack, wie Menschen Schicksale wahrnehmen. Ich glaube, dahinter liegt die Überzeugung, es gäbe eine allgemeingültige Werte-Hierarchie, nach dem Motto: Menschen sind mehr wert als Gebäude.

»Sind sie das etwa nicht?«, wird der Leser sich vielleicht fragen. Wenn ich entscheiden könnte, ob ich ein brennendes Haus retten könnte oder den Menschen darin, würde ich mich ziemlich sicher für den Menschen entscheiden. Aber das ist meine Entscheidung. Wenn andere Leute andere Entscheidungen treffen, ist das nun mal Ausdruck einer anderen Wertehierarchie. Aus meiner Sicht sind Werte relativ.

Ich erinnere mich daran, schon in der Schulzeit immer wie folgt argumentiert zu haben: Es hat mir nicht gereicht, wenn ein Lehrer auf meine Frage, warum wir etwas lernen mussten, antwortete: »Weil es wichtig ist, das zu wissen.« Da meine Lebenszeit begrenzt ist, wollte ich, dass etwas wichtiger ist als alles andere, was ich in der gleichen Zeit machen kann. So argumentiere ich auch beim Golfunterricht: Es hat ja kein Sinn, dass ich meinem Schüler sage: Das Putten zu üben, sei wichtig. Da seine Übungszeit begrenzt ist, schlage ich das Putten nur dann vor, wenn ich sicher bin, dass er damit seine Trainingszeit effektiver nutzt als mit dem Training von langen Schlägen, Annäherungen, seiner Fitness, seiner Psyche oder von was auch immer. Dabei setze ich jetzt voraus, dass es dem Schüler ums Verbessern seines Handicaps geht. Wer Spaß am Putt-Training hat, wird das natürlich unabhängig vom Nutzen tun.

Meine Argumentation in der Schulzeit war aber unsinnig, denn wer soll beurteilen, was für 30 Schüler wichtiges Wissen ist? Ich würde heute jeden einzelnen fragen, was ihn interessiert. Denn alles andere wird er sowieso bald wieder vergessen. Aber das ist ein anderes Thema.

Eine ähnliche Frage stellt sich dem Verwalter von öffentlichem Geld? In einem Blogbeitrag über die Flüchtlingskrise habe ich das Konzept der strategischen Triage erwähnt und den Kopenhagen Konsensus.

Was Moritz Neumeier aber vielleicht gar nicht auf dem Schirm hat, ist die Tatsache, dass nicht jeder davon überzeugt ist, dass Entwicklungshilfe unter dem Strich das Leben der Menschen bereichert. Vor vielen Jahren habe ich dazu schon einmal etwas geschrieben:

Nach 50 Jahren Entwicklungshilfe befindet sich Afrika in einem schlechteren Zustand als zu der Zeit, in der noch kein Geld floss. Die Lösung vieler Prominenter von Campino bis Geldof und Grönemeyer lautet trotzdem: mehr vom Gleichen. Fast alle Experten, die weder für eine Regierung arbeiten noch von Nichtregierungsorganisationen bezahlt werden, also wirklich unabhängig sind, sind sich hingegen einig, dass Entwicklungshilfe schadet. Das trifft auch — oder sogar ganz besonders — für die afrikanischen Experten zu. Sie wissen: Entwicklungshilfe bringt folgende Probleme mit sich, die sich einfach nicht vermeiden lassen:

    • Sie stellt tyrannischen Staatsoberhäuptern die Mittel zur Verfügung, ihre Völker zu unterdrücken
    • Geld aus dem Ausland fördert eher die politische Industrie als die Wirtschaft oder die Produktivität vor Ort. Als Folge bemühen sich Afrikaner mit Potenzial eher darum, auch vom politischen Spiel zu profitieren und suchen ihr Glück in der Politik statt in der Wirtschaft. Politik schafft jedoch keinen Wohlstand. Das kann nur die Wirtschaft. Ein Bonmot, das in der Szene jeder kennt, lautet: Entwicklungshilfe ist das Alimentieren der Reichen in den armen Ländern durch die Armen in den reichen Ländern.
    • Eigenständige Lösungsansätze und freier Unternehmergeist werden durch regierungsamtlich installierte Hilfen eher verhindert. Es entstehen ausgedehnte Bürokratien und zentralisierte Planwirtschaft. Eigeninitiative wird so bei Mächtigen und Ohnmächtigen gleichermaßen gelähmt und eine Bettlermentalität genährt. Alle erwarten, dass ihre Probleme von anderen gelöst werden. Es ist natürlich auch nicht im Interesse der Hilfsindustrie, einheimische Lösungsansätze zu fördern, da sie von den afrikanischen Problemen lebt. Selbst NGOs, die anfangs hilfreich waren, sind es inzwischen nicht mehr. Die Menschen haben die besten Absichten, aber nun hängen viele Mitarbeiter von der Existenz ihrer Hilfsorganisationen ab und machen sich gegenseitig Konkurrenz. In manchen Gegenden treten sich die Hilfsorganisationen schon gegenseitig auf die Füße, so viele sind es — 3000 allein im kleinen Benin. Die Entwicklungshelfer müssen ihre Jobs rechtfertigen und jeden Tag aufs Neue beweisen, dass Afrika hilfsbedürftig ist. Wenn ein westlicher Journalist etwas über Afrika erfahren will, fragt er die privaten Hilfsorganisationen und die berichten, wie wichtig weitere Hilfe ist.
    • Nahrungsmittelhilfen ersetzten die einheimische landwirtschaftliche Produktion, zerstören die Märkte und führen zu immer weiterer Abhängigkeit. Afrika hat die Fähigkeit zur Selbstversorgung mit Nahrungsmitteln verloren, die es hatte, bevor Entwicklungshilfe erfunden wurde. Die Pro-Kopf-Nahrungsmittelproduktion ist seit 1962 immer weiter gefallen.
    • Wird ein Projekt mit fremden Steuergeldern finanziert, fühlen sich die Afrikaner dafür nicht in dem Maße verantwortlich, als wenn sie ihr eigenes Geld investiert hätten.
    • Wenn sich afrikanische Politiker an ausländischen Spenden bereichern, fühlen sich die afrikanischen Bürger nicht so bestohlen, als wenn man ihnen das Geld weggenommen hätte. Die Politiker hätten einen viel größeren Rechtfertigungsdruck, wenn sie nur die Steuern ihres Volkes zur Verfügung hätten.
    • Häufig überschneiden sich die Programme der UN-Filialen und rivalisierenden Organisationen; es kommt zu Mehrfachförderungen. Nach eigenen Angaben kostet die mangelnde Koordination die Vereinten Nationen rund sieben Milliarden Dollar pro Jahr.
    • Das Konzept der Entwicklungshilfe wurde als strategisches Instrument im Kalten Krieg erfunden, um Vorherrschaft und Einfluss aufrechtzuerhalten. Aus dem nehmenden Kolonialismus ist nun lediglich ein gebender Kolonialismus geworden. In Uganda und Tansania speisen sich zum Beispiel 50 Prozent des Staatshaushalts aus Entwicklungshilfe. In solchen Fällen hört die Führung nicht auf ihre Wählerschaft, sondern auf die Geldgeber und investiert seine Zeit lieber in Verhandlungen mit Spendern statt in das Problemlösen vor Ort. Wie wirksam das Modell von Milliardentransfers ist, kann man übrigens auch in den sterbenden Regionen der neuen Bundesländer studieren.

Zur Frage, welche Rolle der Kolonialismus spielt, schreibt Thilo Thielke im Spiegel: »Demokratie ist in Afrika ein relativ neues Phänomen. Bis in die sechziger Jahre herrschten fast überall die Kolonialmächte, danach Diktatoren entlang der Fronten des Kalten Kriegs: hier Mobutu, dort Mengistu. Massenmorde sah man den Herrschern nach, wenn nur die Ideologie stimmte. Dass in europäischen Medien ein schwarzer Toter weniger zählt als ein weißer, ist jedenfalls ein sich hartnäckig haltender Mythos. In Wahrheit zählt nämlich nicht das schwarze Opfer wenig, sondern der schwarze Täter. Wo sonst auf der Welt hätte man sich solche Leichenberge leisten können, ohne den Verlust der Reputation und internationalen Unterstützung zu riskieren? In Afrika geht das immer noch. Und das ist wenigstens ein Grund dafür, warum das Schuldbewusstsein der afrikanischen Alleinherrscher so unterentwickelt ist. Jahrzehntelang haben ihnen die Entwicklungshelfer souffliert, für all das von ihnen angerichtete Elend sei in Wirklichkeit das böse Erbe des Kolonialismus verantwortlich.«
Etwas später schreibt er: »Der Rest der Welt trägt aber wirklich eine Mitverantwortung für das Desaster. Dass afrikanische Führer viel Geld für Waffen, Luxuskarossen und teuren Schnickschnack haben, liegt auch daran, dass sie sich um das Gesundheitswesen, die Infrastruktur oder die Bildung nicht mehr zu kümmern brauchen, weil in Afrika praktisch alles, was unter die Fürsorgepflicht des modernen Staats fällt, von ausländischen Helfern übernommen wird.«

Ich würde die Entwicklungshilfe einstellen und empfehlen, einfach Geschäfte miteinander zu machen. Um dem Anpassungsprozess etwas Zeit zu geben und keinen Umstellungsschock auszulösen, könnte die Entwicklungshilfe stufenweise auf null reduziert werden. Länder kommen nicht durch Geld- und Gütertransfers zu Wohlstand, sondern nur durch produktive Arbeit, Arbeitsteilung und freien Handel. Im Laufe der Geschichte haben die meisten Gesellschaften den Weg aus der Armut ohne Spenden von außen geschafft. Jedes entwickelte Land war einmal unterentwickelt, andernfalls befänden wir uns heute noch in der Steinzeit.
Ohne Entwicklungshilfe würden die bestehenden Machtstrukturen wahrscheinlich schnell gesprengt. In Afrika besitzen 75.000 Millionäre über 700 Milliarden Dollar. Weitere 400 Milliarden befinden sich in afrikanischen Privathänden außerhalb Afrikas.

Der nächste wichtige Punkt ist der Verzicht auf sämtliche Handelsschranken, Zölle und Exportsubventionen. Wenn die Industrieländer Zölle auf afrikanische Produkte erheben, ist das natürlich keine Entwicklungshilfe, sondern eine Entwicklungsunterdrückung. Die Industrieländer schützen hierdurch lediglich ihre einheimischen Anbieter. Wenn dann auch noch die Herstellung unserer landwirtschaftlichen Produkte und deren Export subventioniert wird, drückt das die Weltmarktpreise auf ein künstlich niedriges Niveau. Die afrikanischen Anbieter der gleichen Produkte — oder alternativer Produkte — sind dadurch nicht mehr konkurrenzfähig. Diese landwirtschaftlichen Produktions- und Exportsubventionen der Industrieländer betrugen im Jahr 2004 über 350 Milliarden Dollar. Demgegenüber stand eine Milliarde Dollar an Landwirtschaftshilfe, die nach Afrika floss. Was die westliche Agrarpolitik anrichtet, lässt sich mit Entwicklungshilfe nicht reparieren. Besonders schädlich ist es, wenn die Industrieländer auf verarbeitete Produkte aus Afrika höhere Zölle erheben als auf Rohstoffe. Das senkt die Nachfrage nach Verarbeitung in Afrika und dann siedelt sich dort auch weniger ausländische Industrie an.

Die einzigen, denen ein freier Handel schaden könnte, sind Interessensgruppen wie zum Beispiel die Landwirte der Industrieländer, die politische Elite in Afrika und die Menschen, die von der Entwicklungshilfe leben, also Angestellte der Nichtregierungsorganisationen und Angestellte der Regierungen. In Deutschland arbeiten zirka 600 Menschen im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Statt anderer Leute Geld zu verschenken und damit Unselbstständigkeit und Elend zu fördern, könnten sich diese Leute zukünftig eine bezahlte Arbeit in Afrika suchen. Der kulturelle und Wissensaustausch, der dadurch entsteht, bereichert das Leben der Menschen nämlich tatsächlich, wie der kenianische Ökonom und Entwicklungshilfegegner James Shikwati sagt: »Bis jetzt ist es die Interaktion zwischen dem großen Bruder, der Geld hat, und dem kleinen Jungen, der um Geld bettelt. Wir sollten die Entwicklungshilfe beenden und beginnen, einfach Geschäfte miteinander zu machen. Das wäre ein Austausch zwischen Gleichen. Man würde dann beginnen, uns zuzuhören, anstatt uns zu belehren.«

Viele Länder in Afrika waren nach dem Ende ihrer Kolonialzeit auf dem gleichen wirtschaftlichen Niveau wie Südkorea oder Taiwan. Während die südostasiatischen Tigerstaaten nach dem zweiten Weltkrieg den Weg der Privatwirtschaft und des Freihandels gingen, entschieden sich die meisten afrikanischen Staaten für Abschottung und sozialistische bzw. nationalsozialistische Modelle. Das Ergebnis: In Südkorea liegt das Pro-Kopf-Einkommen neunmal höher als das in Ghana. Auch Indien und China, ehemals die Armenhäuser der Welt, haben ihre Armut deutlich verringern können. Das Wirtschaftswachstum war in den vergangenen Jahrzehnten in ganz Asien deutlich höher als in Afrika. Auch hier waren die marktwirtschaftlichen Reformen und der Öffnung für den Welthandel das Geheimnis und nicht die Entwicklungspolitik. »Die Hilfsgelder waren nicht maßgeblich für den Erfolg der Schwellenländer Asiens«, meint der Professor für Entwicklungsökonomie an der Universität Leipzig, Helmut Asche.

Bartholomäus Grill, Leiter des Afrika-Büros der Zeit schreibt in seinem Artikel »Schneepflüge für Guinea«, der die Misere gut zusammenfasst: »Strümpfe stricken für die Negerkinder, so steht es schon in Thomas Manns Buddenbrooks. Die postmoderne Variante bei den Popkonzerten von Bob Geldof heißt: Gitarren zupfen für die Afrikaner. […] man will irgendwie kompensieren, was der ›weiße Mann‹ den Verdammten dieser Erde angetan hat. Und dabei setzt manchmal die Vernunft aus.«

Das klingt alles so herzlos. Man möchte aber doch mit seinen Spenden einfach nur Gutes tun und kann nicht glauben, dass das verkehrt sein soll.
Diese Sorge ist verständlich. Marktwirtschaftlern blutet das Herz im Angesicht des Elends in der dritten Welt jedoch ebenso wie Politikern, die sich in der Entwicklungshilfe engagieren. Der ugandische Entwicklungsexperte Andrew Mwenda, der auch fordert, jegliche Entwicklungshilfe einzustellen, antwortet auf die Frage eines Journalisten, ob es denn überhaupt etwas gebe, was man tun könne: »Wenn sie partout Geld geben wollen, dann bitte nicht an die Regierungen, sondern direkt an unabhängige Universitäten oder Forschungseinrichtungen.« Daraufhin fragt Rolf Ackermann von der Wirtschaftswoche nach: »Passiert das nicht längst?« Mwenda: »Nur in ganz geringem Umfang. Weniger als fünf Prozent gehen direkt an private Institutionen. Wenn überhaupt, dann brauchen wir Hilfe, die den Menschen nützt, nicht den Regierungen.«

Es geht hier bei der Kritik ausdrücklich nicht um humanitäre Hilfe, die freiwillig geleistet wird. Folgende Geschichte von Marshall Rosenberg passt in diesen Zusammenhang:

Stellen wir uns vor, dass ein Mann flussaufwärts spazieren geht, ganz in der Nähe eines Wasserfalls. Auf einmal sieht er, dass ein Baby im Fluss schwimmt und auf den Wasserfall zutreibt. Der Mann springt kurzentschlossen in den Fluss und holt das Baby heraus. Kurz danach entdeckt er das nächste Baby im Fluss, das dem sicheren Tod entgegen treibt. Wieder springt er in Wasser und rettet ein Leben. Kaum verschnauft, sieht er nun zwei Babys, die hilflos im Wasser paddeln. Mit Mühe schafft er es, beide herauszuholen. Aber es scheint verhext: Kaum kommt er am Ufer an, um die Babys abzusetzen, entdeckt er neue im Fluss. Die Zahl der Kinder nimmt permanent zu, und inzwischen schafft er es nicht mehr, alle zu retten. Manche stürzen den Wasserfall hinunter und ertrinken. Was soll der Mann tun? Ja, so brutal es klingt: Er muss aufhören, weiter ins Wasser zu springen und unmittelbar Leben zu retten, aber nur, um noch mehr Leben zu retten, indem er nämlich die Ursache der Tragödie ermittelt und abstellt. Er muss flussaufwärts laufen und herausfinden, wer die Babys ins Wasser wirft, und denjenigen davon abhalten.

Jeder kennt das Sprichwort: »Gib einem Hungernden einen Fisch, und er wird einen Tag lang satt; lehre ihn das Fischen, und er wird sein Leben lang satt.« Ich würde das Sprichwort so umformulieren:
Ich schenke einem Hungernden keinen Fisch. Ich schenke ihm auch kein lebenslanges Abo für ein Fischrestaurant. Ich bringe ihm noch nicht einmal ungefragt das Angeln bei. Ich halte ihn aber zumindest nicht davon ab, sich das Angeln selbst beizubringen. Sollte mich ein Hungernder um Rat fragen, werde ich ihm gerne helfen.

Dambisa Moyo aus Sambia kommt in ihrem Buch »Dead Aid« zu ähnlichen Schlüssen. Hier ein Artikel in der Zeit, der darüber berichtet.

Zurück zu Moritz Neumeier: Ich würde übrigens auch keinen Pfennig für eine Kirche in Paris spenden, aber ich würde auch niemanden kritisieren, der das mit seinem eigenen Geld tut. Wenn Angela Merkel Hilfe zusichert, dann ist zu befürchten, dass diese nicht mit ihrem eigenen Geld finanziert wird, sondern mit Steuergeld. Aber wenn einige Superreiche viel Geld spenden oder Nicht-so-Reiche weniger Geld, dann ist das deren Geld und eben Ausdruck von deren Wertehierarchien.