Wie viele Satzzeichen braucht der Leser?

von | 16. Jan 2021 | 0 Kommentare

Ich weiß: Du willst geliebt werden, du bist bequem und du leidest unter dem Gottsyndrom. Mach dir keine Sorgen — ich auch.

Jemand hat dich auf diese Seite verwiesen, weil in einem deiner Texte Ausrufezeichen, Fragezeichen oder Großbuchstaben in Rudeln vorkommen. Das könnte etwas Belehrendes haben, aber auch etwas Empathisches: Der Hinweisgeber spürt, dass dir ein Thema am Herzen liegt, aber er leidet mit dir, weil du dir ins Knie schießt.

Deine multiplen Ausrufezeichen und Versalien beteuern und übertreiben. Du wünschst dir so sehr, dass man dir glaubt. Wer dir nicht glaubt, verletzt dich, denn deine Gedanken, das bist ja du. Du suchst nach Liebe und das ist keine Schande, sondern menschlich. Es ist nur ungeschickt, diesem Verlangen durch Beteuerung nachzugeben, denn hinter jedem Ausrufezeichen steht Unsicherheit: Es soll zusätzlich überzeugen, weil du die Aussage mit Punkt allein für zu schwach hältst. Du misstraust deiner eigenen Darstellung — vielleicht nicht grundlos — und der Intelligenz deiner Leser.

Du bist auch bequem. Könnte man sich mit Ausrufezeichen oder Großbuchstaben Gehör verschaffen, wäre das effizient. Kann man aber nicht. Wäre es anders, hätten Werbeanzeigen lauter Ausrufezeichen. Haben sie aber nicht. Einen Satz zu schreiben, der wirkt, braucht Zeit. Klingt anstrengend — und das ist es auch.

Ich mag Menschen, die Texte schreiben, bei denen über jedem Satz ein unsichtbares Fragezeichen schwebt, weil der Autor weiß, dass er nicht Gott ist. Weil er weiß, dass er sich irren kann. Weil er weiß, dass er sich oft geirrt hat und sich noch oft irren wird.
»Mag sein«, denkst du vielleicht, »aber in diesem Fall bin ich mir absolut sicher.« Kenne ich. Bin ich mir auch oft. Aber bevor ich meinen Text als Beleg meines Gottsyndroms abschicke, schreibe ich ihn um. Dann hat er keine Ausrufezeichen mehr und liest sich plötzlich angenehmer.

Ausrufezeichen haben außerdem etwas Bevormundendes: »Spätestens, wenn du das Ausrufezeichen siehst, verstehst du, das war wichtig, was ich dir mitgeteilt habe.« Aber wer bekommt gerne Anweisungen? In diesem Falle dazu, wie er den Text zu werten hat. Schreibst du deinem Chef solche Zeilen: »Was soll das denn??? Das geht ja gar nicht!!!« Eben.

Das war’s schon, was ich dir sagen wollte. Für die Fragezeichen gilt Ähnliches: Wenn man in der gesprochenen Sprache eine Frage stellt, hebt man am Ende des Satzes die Stimme. Ich weiß auch nicht warum, aber bei mehreren Fragezeichen stelle ich mir immer vor, derjenige würde die Stimme noch höher heben. Und dann muss ich an Eunuchen denken. Das hat aber nichts mit dir zu tun und das werde ich in der nächsten Sitzung mit meinem Therapeuten näher beleuchten.

Auslassungspunkte sind in meinen Augen auch eine Form des Mitteilungsstreiks: Der Autor will andeuten, er verschweigt etwas Bedeutungsschweres und der Leser soll es nur ahnen. Den Leser durch Darstellung zu beeindrucken, hätte mehr Arbeit bedeutet. Auch hier befürchte ich: Was man an Arbeit vorne nicht hineinsteckt, kann an Wirkung hinten nicht herauskommen.

Über Emojis denke ich ebenso: Meist erzeugt bereits ein einzelnes Exemplar im Text eines Erwachsenen eine hochgezogene Augenbraue. Die Wiederholung des gleichen Emojis führt jedoch schnell zum gefürchteten Wegklickreflex.

Abschließender Test als Zusammenfassung:
Wie viele Ausrufezeichen braucht eine Aussage, wie viele Fragezeichen eine Frage, wie viele Großbuchstaben ein Wort?
Antwort: null, eines, keine oder einen am Anfang.

Und noch mal: Ich will dich nicht belehren. Meinetwegen kannst du schreiben, wie du willst — auch in den Kommentaren hier, unter meinen YouTube-Videos oder meiner Facebook-Chronik. Ich wollte dir nur eine Rückmeldung geben, wie manche Texte bei mir ankommen, denn oft habe ich den Eindruck: Egal, wohin man kommt, das Ausrufezeichen ist schon da.