Statt eines Füllers

von | 3. Mrz 2021 | 0 Kommentare

Es gibt angeblich Leute, die ihren Roman mit dem Füller schreiben. Auch Goethe soll ohne Textverarbeitung ausgekommen sein. Ist mir ein Rätsel.

Vor fast 40 Jahren habe ich mit dem Schreiben begonnen. Auf einem Brotkasten. So nannte man damals den Commodore 64.

Meine Software: Textomat von Data Becker.

Mit diesem Equipment habe ich meine Hausaufgaben geschrieben, auf einem 9-Nadeldrucker von Epson ausgedruckt und mich wie Lou Grant gefühlt.

Ich weiß noch, wie stolz ich war — bis mein Vater mir sagte, dass das nicht die Druckqualität sei, wie man sie in Büchern finde. Ich hätte das nicht bemerkt, denn die einzigen Bücher, die ich damals gelesen habe, waren von Data Becker und die sahen aus wie meine Hausaufgaben.

Noch als Schüler war ich ein paar Jahre später auf der Cebit in Hannover und sehe den ersten senkrechten Monitor mit schwarzen Buchstaben auf einer weißen Seite. »So wird man im Himmel schreiben«, dachte ich und nahm mir vor, darauf zu sparen. Es war ein Wang-Computer für 20.000 Mark, den ich mir nie geleistet habe. Hier ein Bild von einem Mac. Ein Bild von dem Wang habe ich nicht mehr gefunden.

Mein erstes Buch habe ich 1993 noch auf einem Commodore Amiga geschrieben. Meine sieben Bücher für den Falken-Verlag entstanden auf einem PC mit Word und einem »riesigen« 21-Zoll-Monitor.

2000 habe ich InDesign und Typografie als Leidenschaft entdeckt und mit diesem Wissen »Jenseits der Scores« selbst verlegt. Seit der Zeit, weiß ich, was Ligaturen, Punzen und Mediävalziffern sind und warum man die Ligatur in dem Wort »Golflehrer« ausschaltet.

Vor 15 Jahren bin ich endlich auf Apple umgestiegen und habe deren 32-Zöller an meinen Mac Pro angeschlossen. Seit 2007 nutze ich außerdem Scrivener zum Schreiben und habe Word gemieden wie Times New Roman und Arial. Irgendwann habe ich mir die Schriftensammlung »Adobe Font Folio« gegönnt und nur noch mit Open Type Schriften geschrieben, die unterschiedlich ausfallen, je nachdem wie groß die Schrift gesetzt wird.

Es kam nie zu einem senkrechten Bildschirm, bis heute. Weil die spielstärkste Backgammon-Software (XG) nur auf PCs läuft, habe ich mir vor ein paar Wochen einen meiner beiden Scope-Rechner (diese Golfsoftware läuft auch nur unter Windows) auf den Schreibtisch gestellt. Und dann kam mir die Idee, meinen 30 Jahre alten Traum zu verwirklichen: ein senkrechter Bildschirm zum Schreiben. Denn seien wir ehrlich: Ein horizontaler Monitor ist beim Schreiben so sinnvoll wie das Filmen mit einem senkrecht gehaltenen Handy. Beim Schneiden von Videos oder beim Bearbeiten von Bildern im Querformat ist die horizontale Ausrichtung ja ok, aber beim Texten will ich eine DIN-A4-Seite vor mir haben — wie auf der Schreibmaschine.

Kauft man aber normale Bildschirme mit Pivot-Funktion (drehbar), sind die zu groß. Die Oberkante des Bildschirms liegt nämlich bei ergonomischem Schreiben nicht höher als die Augen. Also braucht man einen kleinen Bildschirm mit hoher Auflösung. Das hatte sich schon beim Schreiben mit einem senkrecht gestellten iPad bewährt. Leider läuft da nur eine abgespeckte Version von Scrivener und kein Papyrus — für mich die Schreibsoftware der Wahl wegen der genialen Stilprüfung, dem integrierten Duden-Korrektor und dem Synonym-Wörterbuch. Wenn sich in diesem Artikel Fehler finden, hat übrigens die Software versagt, nicht ich.

Inzwischen gibt es 4k-Monitore, die nur 13 Zoll groß sind für 200 Euro. Da hat man eine Auflösung fast so fein wie beim Handy. Nach ein paar Tagen habe ich bemerkt, dass die vertikale Darstellung zwar für das Schreiben perfekt ist, aber ich recherchiere permanent mit einem Browser im Internet. Da ist man horizontal wegen der Programmierung vieler Seiten komfortabler unterwegs. Also habe ich einen zweiten Bildschirm angeschlossen, was den Vorteil hat, dass man gleichzeitig beide Seiten offen halten kann.

Jetzt wüsste ich nicht, wie man noch komfortabler schreiben kann. Die Umstellung auf den PC ermöglicht außerdem eine größere Auswahl an Tastaturen. Meine Wahl fällt hier auf TKL; das steht für »ten key less«. Denn wer außer einem Buchhalter braucht eine Zehnertastatur? Das spart Platz auf dem Schreibtisch und ich komme trotz zwei 4k-Bildschirmen mit einem Tisch von 73 × 50 Zentimetern aus. Mäuse habe ich auch Dutzende getestet. Mit der MX Master 3 bin ich seit Jahren zufrieden und vor allem mit der Software Logitech Options. Die lässt die flexibelste Programmierung der sieben Tasten und zwei Drehrädchen zu. Die wichtigste Taste des Schriftstellers ist bekanntermaßen die Lösch-Taste und die lege ich auf die Druckfunktion des vertikalen Scrollrädchens. Strg-z und Strg-Shift-z kommen auf die beiden Daumenknöpfchen und so kann man beim Korrekturlesen zusammen mit der genialen Drag-and-Drop-Programmierung von Papyrus oft ewig mit der Maus arbeiten, ohne einmal an die Tastatur greifen zu müssen.

Zugegeben, die 20-Euro-Ständer und die Verkabelung gewinnen noch keinen Design-Preis, aber Funktion geht bei mir vor Form. Außerdem brauche ich auch zukünftig Gründe, mich vor dem Schreiben zu drücken, wenn ich nämlich weiter das Equipment optimiere.

Eins ist sicher: Wenn mein derzeitiger Roman nicht zum Bestseller wird, hat es nicht an der Ausrüstung gelegen. Ich fürchte auch, es lag nicht an meinen Motorrädern, Rennrädern, Drachen, Pistolen, Revolvern, Compound-Bögen oder Backgammon-Koffern, dass ich in keiner dieser Disziplinen Weltmeister geworden bin.