Offener Brief an Martin Schulz

von | 16. Sep 2015 | 0 Kommentare

»Das Europa des Gemeinschaftsgeistes brauchen wir und das muss sich notfalls jetzt auch mal mit Macht durchsetzen«, sagt Martin Schulz.

Sehr geehrter Herr Schulz!

Ich habe Ihre Aussage in Frontal gehört und war zunächst sehr erschrocken. Hier noch mal die Mitschrift: (Ich denke, das »nicht« haben Sie vergessen.)

»Das Europa des Gemeinschaftsgeistes brauchen wir. Und das muss sich notfalls jetzt auch mal mit Macht durchsetzen. Es kann nicht sein, dass die — ich gehöre zu diesen Leuten — die sagen, wir werden im 21. Jhd. — im globalen 21. Jhd. — globale Probleme nicht mit Nationalismus lösen, dass die (nicht) irgendwann auch mal kämpfen und sagen: ›Wir setzen uns notfalls auch in einem Kampf gegen die anderen durch.‹«

Um etwas mehr Klarheit zu bekommen und auch um mich zu beruhigen, habe ich ihre Sätze mit einer wohlwollenden Grundhaltung und der Technik der gewaltfreien Kommunikation in folgende Worte übersetzt:

»Wenn ich die Aussagen und Handlungen einiger europäischer Regierungen sehe, dann fühle ich mich ohnmächtig, hilflos und verzweifelt, weil ich ein großes Bedürfnis nach Fürsorge und Gemeinschaft habe. Meine Bitte an die anderen Staaten lautet: Formulieren wir unsere Wünsche mit mehr Klarheit und Nachdruck und geben wir nicht zu schnell auf, sondern kämpfen wir für unsere Ideen.«

Meine Reaktion hierauf lautet:
Ich kann mich wunderbar mit Ihren Bedürfnissen nach Fürsorge und Gemeinschaft verbinden. Ich sehe Ihren großen Einsatz, spüre ihre Verzweiflung wie Ohnmacht und höre auch, wie wichtig Ihnen Ihre Anliegen sind. Wenn ich gleichzeitig höre, dass sich das Europa des Gemeinschaftsgeistes mit Macht durchsetzen soll, dann wird mir Angst und Bang, denn ich habe ein großes Bedürfnis nach friedlichen Konfliktlösungen. Könnten Sie mir bitte erklären, was Sie meinen, wenn Sie sagen »mit Macht durchsetzen«? Meinen Sie wirtschaftlichen Sanktionen, Stop von Transfer-Leistungen und ggf. den Ausschluss aus der EU?

Mit freundlichen Grüßen
Oliver Heuler

Nachtrag

Am 25. September 2015 um 10:01 schrieb Herbert Hansen :
> Sehr geehrter Herr Heuler,
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> Ihre Mail habe ich erhalten. Aufgrund der Vielzahl der täglich hier eingehenden Nachrichten ist es Herrn Präsident Martin Schulz leider nicht möglich, in jedem Fall persönlich zu antworten. Er hat mich mit der Beantwortung Ihres Schreibens beauftragt und bittet hierfür um Verständnis.
>
> Ich kann Sie beruhigen: Das Wort „Kampf“ ist gewiss ein starkes Wort. In diesem Fall ist es natürlich keinesfalls militärisch gemeint, sondern ein Kampf mit Worten. In einer heftigen Auseinandersetzung, wie manchmal auch im Parlament, muss man mit Worten manchmal kämpfen. Herr Schulz wollte damit zum Ausdruck bringen, dass Solidarität innerhalb der EU nun auch dringend eingefordert und umgesetzt werden muss, „Solidarität ist keine Einbahnstraße“. Dies bedeutet, dass notfalls auch Druck auf Staaten ausgeübt werden muss, bspw. durch Streichung von Finanzmitteln. Ein Ausschluss aus der EU hingegen ist aus rechtlicher Sicht nicht möglich, da ein solcher Schritt nicht in den Europäischen Verträgen vorgesehen ist.
>
> Ich bedanke mich für Ihre Zuschrift und verbleibe
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> Mit freundlichen Grüßen
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> Herbert Hansen
>
>
> Herbert Hansen
> Referent
> Europabuero Mart