Böllern ist nicht sinnlos

von | 29. Dez 2018 | 0 Kommentare

In Hundeforen wird — wie jedes Jahr und wie an zig anderen Stellen — wieder engagiert diskutiert, was von der Silvesterknallerei zu halten ist. Dieses Jahr ist mein erstes Silvester mit eigenem Hund. Deshalb hier mein Senf dazu.

Wer sagt: »Böllern ist sinnlos« unterscheidet nicht zwischen Ansichtssachen und Tatsachen. Die Aussage »Für mich ist Böllern sinnlos.« wäre eine Tatsache, wenn es wirklich meiner Überzeugung entspricht und ich hier nicht etwas denke und sage, weil ich reflexartig wiederhole, was andere wollen und ich mir dadurch unbewusst ein Mehr an Bindung verspreche. Für den, der böllert, hat Böllern einen Sinn — andernfalls würde er nicht böllern. Er verschafft sich damit ein Wohlgefühl. Er fühlt sich vielleicht mächtiger oder verbundener, wenn er zusammen mit anderen böllert. 364 Tage im Jahr fühlt er sich möglicherweise oft ohnmächtiger und einsamer. Seit er ein kleines Kind ist, wird ihm ständig gesagt, was er zu tun und zu lassen hat. Jetzt kann er zumindest einmal im Jahr gesellschaftlich gebilligt viel Lärm machen und wer möchte, darf sich auch noch betrinken, ohne befürchten zu müssen, schief angesehen zu werden.

Was sind jetzt die Schlussfolgerungen? Vielleicht werdet ihr sagen »Ich kann doch nicht tatenlos zusehen, wenn so viele Tiere direkt durch das Knallen leiden und so viele Menschen indirekt leiden, weil das verpulverte Geld woanders fehlt.«? Könntet ihr schon, müsst ihr aber nicht.

Was wahrscheinlich wenig hilft:

  • jammern
  • ärgern
  • wütend zu werden
  • andere zu beschämen, zu beschimpfen, zu beleidigen
  • nichts zu tun

Was helfen könnte:

  • Ich kann versuchen, meine Verbindung zum Hund noch mehr zu stärken, sodass der Hund sich bei mir sicherer fühlt.
  • Ich kann versuchen, mein Verständnis der Menschenseele weiter zu verbessern, um den böllernden Menschen Alternativen zeigen zu können, wie sie sich an den anderen 364 Tagen machtvoller fühlen können und irgendwann der Wunsch nach Krachern und Raketen nachlässt oder entfällt. Das wird aber wahrscheinlich nicht gelingen, wenn derjenige seine Knaller schon gekauft hat und ganz sicher nicht, wenn er das Feuerzeug schon in der Hand hat. Ohne Empathie, eine stabile Verbindung und Signalen der Bereitschaft des anderen, wird das aber wahrscheinlich erfolglos bleiben. Missionieren funktioniert nicht.
  • Ich kann mir selbst Empathie geben: Wenn ich in der Sollte-Welt lebe (die anderen sollten nicht böllern), dann kommt zu der Angst vor Machtmangel (ich kann mich und meine Tiere nicht schützen) auch noch Wut. Und was wäre die Konsequenz aus meinen Forderungen, das Böllern zu verbieten oder den Hinweisen auf den Hunger in der Welt. Will ich wirklich anderen vorschreiben, wofür sie ihr Geld auszugeben haben? Was mache ich selbst nicht alles, was in den Augen von hungernden Kindern auch überflüssig erscheinen könnte? Wäre eine Welt, in der wir das alles verbieten, nicht totalitär? Wäre nicht eine Welt schöner, in der wir Konflikte ohne Waffen lösen? Denn hinter jedem Gesetz steht letztlich eine Waffe, auch wenn wir sie selbst nicht in die Hand nehmen müssen. Ich weiß: Hinter den Verbotsforderungen steckt der Wunsch, Tieren und Menschen Leid zu ersparen. Damit kann ich mich gut verbinden. Wir haben auch einen Hund und ich selber knalle schon lange nicht mehr. Mein letztes schönes Silvester-Erlebnis liegt zwölf Jahre zurück, als mein Sohn mit drei Jahren ein tolles Gefühl der Macht hatte:

PS: Macht ist für mich übrigens kein Synonym für Herrschaft, sondern eines für Selbstwirksamkeit, Kreativität und eben Machen.