Prä-Post-Verwechslung bei der Analyse des Stockholmsyndroms

von | 23. Aug 2020 | 0 Kommentare

In der libertären Welt wird das Stockholmsyndrom (»die Stockholmies«) oft als Schimpfwort für Demokraten und Etatisten verwendet — und wenn nicht als Schimpfwort, dann oft als moralische Kritik (»so sollte keiner denken«).

Ich habe das in meiner Phase als Minimal-Moralist auch getan. Dahinter steckte bei mir der Vorwurf, Demokraten und Etatisten würden das hohe Gut der Freiheit verraten, indem sie sich Verbrechern gegenüber empathisch und wohlwollend zeigten. Regierungsvertreter waren für mich damals insofern Verbrecher, als sie gegen das Nicht-Aggressionsprinzip verstießen. Da viele Wähler Sympathien gegenüber Regierungsvertretern empfinden — ihnen die eigene Stimme zu geben, sehe ich als Vertrauensbeweis —, entsprachen sie aus meiner Sicht den Stockholmer Geiseln, die Sympathien für ihre Entführer empfanden. Eine Pro-Staat-Haltung (Etatismus) war aus meiner Sicht verwerflich und unmoralisch.

So denke ich seit Jahren nicht mehr. Wenn ich heute Empathie gegenüber Politikern zeige, geschieht das nicht aus der Überzeugung, dass diese sich für »das Gute« einsetzen. Ich denke auch nicht, dass sie eine Manifestation »des Bösen« sind. Jeder handelt entsprechend seiner Überzeugungen, und mit der Einteilung in »gut« oder »böse« helfe ich niemandem. Im Gegenteil: Ich erzeuge wahrscheinlich Reaktanz, denn wer will schon böse sein? Ich helfe einem Neo-Moralisten nicht, indem ich ihn beschimpfe, beschäme oder lächerlich mache. Ich kann ihn nur einladen und zu inspirieren versuchen, indem ich ihm aufzeige, wie sein Leben angenehmer werden könnte, wenn er manche Überzeugungen hinterfragt und irgendwann überwindet.

Wie sähe ein post-moralistischer Blick auf das Stockholm-Syndrom aus?

Würde ich Opfer einer Geiselnahme, hoffe ich, dass ich auch Empathie für die Geiselnehmer aufbringen kann, und zwar aus einem egoistischen Nutzenkalkül heraus: Ich glaube, ohne Empathie ist die Gefahr für Verbrechensopfer, ein Trauma zu erleben, größer. Ich bin sicher, dass die Geiseln aus Stockholm keine Traumata entwickelt haben; andernfalls wäre es ihnen nicht möglich gewesen, vor Gericht für die Geiselnehmer um Gnade zu bitten und sie im Gefängnis zu besuchen.
Ich hoffe allerdings, dass ich im Gegensatz zu den Stockholmer Geiseln auch in den Polizeibeamten nicht den Feind gesehen hätte. Ich hätte ebenso im Gegensatz zu den Stockholmer Geiseln aus Gründen der General- und Spezialprävention für eine Gefängnisstrafe plädiert. Schließlich will ich weder, dass andere die Geiselnahme nachahmen (Generalprävention) noch will ich, dass die Geiselnehmer das Ganze wiederholen (Spezialprävention). Wobei mir klar ist, dass Verbrecher im Gefängnis meist nicht zu Erwachsenen werden. Insofern steht die Generalprävention bei mir weit über der Spezialprävention.

Meine Empathie gegenüber Politikern unterscheidet sich also deutlich von den Sympathiebekundungen der Demokraten durch die eigene Stimmabgabe bei Wahlen. Für mich ist ein Politiker nicht der Vertreter des Bösen. Ich teile nur seine Strategie nicht, das Wohl der Menschen mit Zwang zu mehren. Auch hier ist meine Empathie nicht Ausdruck einer Unterwerfung gegenüber einer empathischen Moral, sondern sie ist unter anderem Resultat meiner Erkenntnis, dass ich damit mein eigenes Wohl mehre. Als libertärer Minimal-Moralist schwelten nämlich ständig Empörung und Wut über die Ungerechtigkeit der Politik in mir. Das hat sich erledigt. Das ist jedoch kein Verrat meiner Ablehnung der initiierenden Gewalt; ich habe nur eine andere Strategie: Ich habe aufgegeben, Gewalt mit Gewalt zu bekämpfen.

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