Das VMS-Syndrom

von | 1. Dez 2017 | 0 Kommentare

Überall herrscht Inflation: Die Fed und die EZB drucken Geld, als gäbe es kein Morgen. Der größte anzunehmende Unfall ist fast immer ein Super-GAU. Ohne die Vorsilbe »mega«, braucht man gar nicht mehr auf Zuhörer zu hoffen. Und Ausrufezeichen kommen fast nur noch in Rudeln vor.

Ich leide schon lange unter unangenehmen körperlichen Reaktionen, wenn ich Facebook-Beiträge mit multiplen Satzzeichen lese. Höchste Zeit, das therapeutisch zu untersuchen. Betrachten wir das VMS-Syndrom* einmal näher:

Ursprünglich ward das Ausrufezeichen gedacht für Ausrufe, Befehle, Aufforderungen und Warnungen. Die meisten Ausrufezeichen stehen heute jedoch hinter stinknormalen Sätzen. Vielleicht will uns der Autor sagen: »Spätestens, wenn du das Ausrufezeichen erkannt hast, verstehst du, das war wichtig, was ich dir mitgeteilt habe.« Ein Bedürfnis des Autors könnte also sein, gehört und verstanden zu werden. Aber er will wahrscheinlich nicht nur verstanden werden, sondern den Leser auch erreichen — vielleicht eine Änderung in dessen Denken oder Handeln hervorrufen, also etwas bewegen. Herrliche Bedürfnisse, mit denen ich mich wunderbar verbinden kann. Ich fürchte jedoch, dass das Erreichen, Beeinflussen und Verbinden mit dem Ausrufezeichen eher unwahrscheinlicher wird als wahrscheinlicher. Wer bekommt schon gerne Anweisungen? In diesem Falle dazu, wie er den Text zu werten hat.

Möglicherweise steht hinter dem Ausrufezeichen auch eine gewisse Unsicherheit? Es soll zusätzlich überzeugen, weil die Aussage mit Punkt allein für zu schwach gehalten wird. Es könnte sein, dass der Autor der eigenen Darstellung und der Intelligenz des Adressaten misstraut. Ein weiteres Bedürfnis des Autors könnte das nach Bequemlichkeit und Effizienz sein. Einen Satz zu schreiben, der wirkt, braucht Zeit. Wolf Schneider sagt: »Einer muss sich immer quälen, entweder der Schreiber oder der Leser.« Ein Ausrufezeichen schreibt sich schnell, auch deren fünfe bedeuten mit Tastenwiederholung nur wenig mehr Kalorien-Investition.

Kommunikation auf Augenhöhe ist mir wichtig. Und wer als Ausrufezeichen-Verwender noch nicht recht verstehen kann, was mich da reitet, der frage sich einmal, ob er seinem Chef eine E-Mail schreiben würde mit Sätzen wie:

Was soll das denn???? Das geht so nicht!!!!

Und selbst wenn der Leser kein Herabschauen darin sieht, frage ich mich, ob Beteuerung nicht grundsätzlich schwächt? Als es nur Zeitungen, Zeitschriften und Bücher gab, kamen die meisten Texte von Profis. Auf Facebook kann jeder schreiben. Das sei so schön demokratisch, sagen viele. Ich sage: Genau das ist das Problem. Es gibt übrigens Soziolinguisten, die behaupten, die Bedeutung eines Satzes wäre umgekehrt proportional zu der Zahl der verwendeten Ausrufezeichen.

Zu den multiplen Fragezeichen: Wenn man in der gesprochenen Sprache eine Frage stellt, dann hebt man am Ende des Satzes die Stimme. Bei einer ganz dringenden Frage kommt niemand auf die Idee, die Stimme noch weiter anzuheben, es sei denn, man wollte den Adressaten gleichzeitig davon in Kenntnis setzen, dass man an Eunuchoidismus leidet. Was um alles in der Welt veranlasst die Menschen also, in der geschriebenen Sprache statt eines Fragezeichen deren zwei, drei oder gar viere an das Ende ihres Satzes zu stellen?

In diesen Zusammenhang passen auch die Auslassungspunkte: Tucholsky nennt sie »Mitteilungsstreik«. Der Autor will andeuten, er verschweigt etwas Bedeutungsschweres und der Leser soll es nur ahnen. Dahinter könnte auch das Bedürfnis nach Effizienz stehen; den Leser durch Darstellung zu beeindrucken, macht mehr Arbeit. Tragischerweise wird der Pünktchensetzer sein Bedürfnis wahrscheinlich nicht befriedigen. Die erschreckende Wahrheit lautet: Was man an Arbeit vorne nicht hineinsteckt, kann an Wirkung hinten nicht heraus herauskommen.

Das Gesagte gilt uneingeschränkt auch für Emojis. Meist erzeugt ein einzelnes Exemplar im Text eines Erwachsenen schon einseitig hochgezogene Augenbrauen — selbst bei jugendlichen Lesern. Die Wiederholung des gleichen Emojis führt jedoch fast immer zum gefürchteten Wegklickreflex.

*VMS = Verwendung multipler Satzzeichen

Die ist eine aktualisierte Version eines Artikels, den ich 2003 geschrieben habe.