Wider das Geläufige

Was unterscheidet mich von anderen alten, weißen Männern? Auf den ersten Blick nicht viel: Ich bin über 50, fahre Auto, spiele ohne Scham Golf, bin das letzte Mal vor knapp zehn Jahren mit dem Flugzeug geflogen und würde es bei Gelegenheit eiskalt wieder tun. Sie merken: Sie sind auf einer zwielichtigen Seite gelandet.

Wäre ich — Gott bewahre — ein Sozialwissenschaftler oder Talkmaster, würde ich meinen Opfern folgende zehn Begriffspaare an den Kopf werfen und sie bitten, diese zu kommentieren. Ich wette, dass es bei vielen auf ein Entweder-Oder hinausliefe. Bei mir landen jedoch die ersten fünf Begriffspaare in der Rubrik »beides« und die letzten in »keines«.

Gefühle und Rationalität

In meinem Mathematik- und Physik-Leistungskurs dachten die meisten meiner Klassenkameraden und ich: Gefühle sind etwas für Leute, bei denen es mit dem Verstand hapert. In meiner Zeit bei der ÖDP vor 25 Jahren dachte ich, die allgemeine, menschliche Verkopfung hätte uns in eine Misere gebracht. Und so wollte ich zurück zur Natur und zum Gefühl. Heute schäme ich mich weder ob meines Gefühles noch meines Verstandes.

Wettbewerb und Kooperation

Auf einem Markt entsteht ein Wettbewerb um Kooperation. Erzwungene Kooperation ohne Wettbewerb gab es in der DDR.  Erzwungenen Wettbewerb ohne Kooperation gibt es in der Schule. Einen Markt braucht man nicht zu erzwingen; der entsteht durch freiwilligen Tausch.

Egoismus und Altruismus

Egoismus bedeutet nicht, rücksichtslos zu sein. Letztlich tut jeder alles, um seine Triebe auszuleben und seine Bedürfnisse zu befriedigen. Spiegelneuronen sorgen dafür, dass ich mit anderen mittrauere oder mich mitfreue. Ein Leben ohne Rücksicht auf andere wäre deshalb ungeschickt egoistisch, ein Leben ohne Egoismus unmöglich und allenfalls vergleichbar mit dem eines Märtyrers.

Konservativ und progressiv

Jeder Organismus muss zum Überleben Teile bewahren und Teile erneuern. »Das haben wir schon immer so gemacht«, halte ich für ebenso fragwürdig wie die tägliche Neuerfindung des Rades. Insofern halte ich auch Prinzipien für lebensfeindlich, die das eine über das andere stellen — besonders, wenn per Wahl oder Dekret unbeteiligte Dritte gefügig gemacht werden sollen.

Kultur und Natur

In Erziehungsfragen sah Rousseau in der Kultur das größte Übel und Hobbes sah es in der Natur. Kindern hilft man jedoch so wenig beim Wachsen wie Pflanzen, indem man an ihnen zieht. Ebenso wenig kann man Kinder oder Pflanzen in die Ecke schieben und auf die Kraft der Natur vertrauen. Vor allem ein Tragling braucht in den ersten Jahren viel Unterstützung.

Rechte und Pflichten

Kann man ohne Rechte und Pflichten leben? Wir versuchen das in unserer Familie und es ging in meiner Golfschule. Unser außergewöhnliches Mittel: Fragen und Bitten. Inzwischen bilde ich keine Golflehrer mehr aus, aber auch in meinem Einzelunterricht gibt es keine Pflicht — nicht einmal eine Zahlpflicht. Ich bitte um Geld und akzeptiere ein Nein.

Belohnung und Bestrafung

Wer seinen Hund dressieren will, kommt an Belohnungen und Behaviorismus nicht vorbei. Sie erinnern sich: Pawlow, Skinner und die schwarze Box. Kinder braucht man jedoch nicht zu dressieren. Die können irgendwann erwachsen werden und — anders als ein Haustier — komplett eigenständige Entscheidungen treffen. Mit solchen Erwachsenen können andere Exemplare der gleichen Spezies sogar einvernehmlich kooperieren — ohne Belohnung und Bestrafung.

Unterwürfigkeit und Dominanz

Nach oben zu buckeln und nach unten zu treten — das scheint gängige Fortbewegungsmethode auf Karriereleitern zu sein. Es gibt Erzählungen von Unternehmen, in denen es angeblich anders geht.

Gut und Böse

Gibt es ein zivilisatorisches Leben jenseits der Moral? Eine Welt, in der die Menschen sich nicht nach allgemeingültigen Tugend- und Sündenkatalogen richten, sondern sich leiten lassen durch die naturgegebene Verbindung des Unwohlseins mit unbefriedigten Trieben und Bedürfnissen. Ich schreibe derzeit mit Ben Daniel einen Roman über so ein Leben.

Autoritäre Erziehung und antiautoritäre Erziehung

Bei diesen beiden Erziehungsmethoden unterscheiden sich nur die Ziele. Die einen erziehen ihre Kinder zu gehorsamen Pflichterfüllern, die anderen zu rebellierenden Öko-Sozialisten. An der Erziehung an sich hat sich nichts geändert.

Westliche vs. östliche Philosophie

Im Westen lernt man, Ziele zu verfolgen. Wer diese nicht erreicht oder trotzdem unbefriedigt bleibt, bekommt Pillen verschrieben oder Mitleid. Im Osten gibt es statt Psychopharmaka ein Sitzkissen. Aber wenn das Ego versucht, sich selbst wegzuatmen, wird das nichts. Ich behaupte deshalb: Das Problem war nie das Verfolgen eines Ziels, sondern dass es nicht das eigene Ziel war.